Sonntag, 20. Juli 2014

Straßenmusiker




Die Straßenmusiker, die ich in Stuttgart gesehen habe, sind vielfältig und ziemlich gut. Statt die Vorbeigehenden mit Gassenhauern zu locken und gleich weiterhasten zu lassen, laden sie dazu ein, ihnen in Ruhe zuzuhören, die Musik zu genießen und wertzuschätzen, die Stücke zu erraten oder - in meinem Fall - mich an eine andere Zeit meines Lebens zu erinnern.

Als Studentin habe ich selbst lange von Straßenmusik gelebt. Ich war gerade aus dem Saarland nach Berlin gezogen, und der Ku'Damm mit seinem abendlichen Lichterglanz erschien mir wie die weite Welt. Das war bedrohlich und beflügelnd zugleich. Abenteuerlustig suchte ich mir dort meinen Platz.

Der Job als Straßenmusikerin gab mir die Möglichkeit, bei freier Zeiteinteilung zu arbeiten, in Übung zu bleiben und Menschen kennenzulernen. An guten Tagen verdiente ich etwa 30 Mark in der Stunde - zum Beispiel an besonders warmen Sommerabenden, oder wenn Hertha gerade ein Fußballspiel gewonnen hatte. Hundert Mark am Abend waren viel Geld damals, aber es war wohl verdientes Geld.




Denn Straßenkünstler haben nicht nur einen aufregenden, sondern auch einen herausfordernden Job. Sie exponieren sich, sie müssen sich im turbulenten Kommen und Gehen auf ihre Kunst konzentrieren, und sie erhalten Reaktionen unterschiedlichster Art.

Straßenmusiker wissen nie im Voraus, wie der Tag sein wird, der vor ihnen liegt. Der Platz, an dem sie stehen werden, die Stimmung in der Stadt, die Menschen, die ihnen begegnen, und nicht zuletzt das Wetter - all dies sind Unwägbarkeiten, die sie dazu herausfordern, spontan und spielerisch zu reagieren und dabei zugleich ihre innere Balance zu wahren.




Ich erinnere mich an den lebhaften Austausch mit den anderen Straßenkünstlern, an die Gespräche mit den Menschen, die vorbei liefen und zuhörten, an Applaus, Anmache und Aggressionen. An lustige, alberne oder interessante Kommentare. An Rückenschmerzen ebenso wie an das schöne Gefühl, andere Menschen erfreut zu haben. Es war der kommunikativste Job, den ich je hatte, der unsicherste und der romantischste.

Ich würde gern mal wieder mit den Musikern plaudern, sie fragen, wie es sich heute mit dieser Arbeit lebt. Warum sie sich entschieden haben, auf der Straße zu spielen, und was sie dabei erleben. Wo sie schon überall gespielt haben. Was ihnen daran am meisten Spaß macht.

Ich habe Respekt vor ihnen und dem, was sie geben. You go, guys.



Kommentare:

  1. Deine Erinnerungen machen mich ganz melancholisch, weiß nicht genau, warum... Es erinnert mich auch daran, wie es war, in Berlin neu anzufangen, und dann in Stuttgart, das Lebensgefühl damals und jetzt.... Und du hast es mit so viel Kraft und Mut gemacht. Du wirst immer mit unsicheren Lebensumständen klarkommen, wenn es gerade so ist. Und romantisch sein. :-)

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  2. Ich höre den Musikern auch gern zu. Spiele selbst Querflöte, aber ich hätte mich als Studentin nie, nie nie getraut, auf der Straße zu spielen. Da gehört schon was dazu, vor allem als Frau! Meistens gebe ich den Frauen was. Ich wünsche dir viel Glück für alle Jobs, die noch kommen werden (bzw. für DEN Job - vielleicht wird der ja auch kommunikativ und romantisch?) Lg aus Karlsruhe

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