Freitag, 25. Juli 2014

Arbeitgeber


Arbeitgeber, London

Ganz einfach, sage ich. Ich bin die Arbeitgeberin.

Mein Chef sieht mich irritiert an. Seine kuschelige Wolljacke scheint so gar nicht zu seiner eiskalten Firmenpolitik zu passen. Doch den Trick mit der Kleidung habe ich mittlerweile durchschaut, und so rede ich weiter.

Ich bin diejenige, die ihre Kenntnisse, ihre Erfahrung, ihre Kraft, ihr Engagement, kurz: ihre Arbeit gibt. Sie geben mir keine Arbeit. Sie geben mir einen Arbeitsplatz, weil Sie meine Arbeit zwecks Gewinnmaximierung nur allzu gern nehmen.

Dies ist ein Handel zwischen Gleichberechtigten - zwischen mir, der Arbeitgeberin, und Ihnen, dem Arbeitnehmer. Der Handel sieht so aus: Gute Arbeit gegen gute Bedingungen. Es ist wirklich ganz einfach.

Was ich stattdessen hier vorgefunden habe, ist ein ausgeklügeltes totalitäres System, das sich zu allem Überfluss als zukunftsweisend ausgibt. Ungläubig und verständnislos habe ich Ihre Methoden eine Weile beobachtet, habe sie erforscht und beschrieben. Ich bin dem Ganzen mit Optimismus, Humor und Phantasie begegnet - Rettungsversuche, die das haarsträubende Geschehen nur umso deutlicher zum Vorschein brachten.

Daher muss ich Ihnen mitteilen, dass ich Ihnen keine Arbeit mehr geben werde.

Sie denken vielleicht, dass Sie gerade Rückenwind haben. Aber ich sage Ihnen etwas. Ich habe zwar kein fettes Auto wie Sie. Aber ich habe einen beweglichen Körper und ein Fahrrad, und ich kenne mich aus mit dem Wind.

Eines Tages wird der Wind wieder drehen. Er wird in einem Schwung die Zustände hinwegfegen, in denen Sie und Ihresgleichen ihr Unwesen treiben können. Und er wird die Arbeitgebenden dieser Welt an einen Ort bringen, an dem sie die Früchte ernten werden für ihren Enthusiasmus, ihren Einsatz und ihre Lebendigkeit.

Ich schwinge mich derweil auf mein Rad. Adios!


Arbeitgeber, London

Arbeitgeber, Madrid

Arbeitgeber, Berlin

Dies ist ein fiktives Gespräch. Heute habe ich meine Kündigung eingereicht. 

Kommentare:

  1. Hej, das stimmt mit dem Wort "Arbeitgeber" ! Bin ich noch gar nicht darauf gekommen. Viel Glück jedenfalls, du findest bestimmt was Besseres. Mutig, selbst zu kündigen!

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  2. Nochmals HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!!! Du hast es geschafft! ♥♥♥
    Und jetzt kommt was Tolles Neues, mit neuem Wind! Du hast es verdient. Big big hugs & Love! ♥

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  3. Schwungvoll, mit Biss und auf den Punkt gebracht.

    Du solltest journalistische Kurztexte schreiben und damit viel Geld verdienen. :-)

    Gratuliere zu deiner Entscheidung!

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  4. Das hört sich sehr kraftvoll an und ich stimme zu, journalistisches Schreiben ist dein Ding, mit Biss und interessanten Blickwinkeln, Phantasie und Humor. Hast du das deinem Chef so gesagt oder wäre das Perlen vor die sprichwörtlichen Säue? Die Fotos sind auch klasse!
    Hochachtungsvolle (Achtung vor deiner Entscheidung) Grüße aus dem Norden

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  5. @Bernhard, danke, und ja, gute Idee! :-)
    @Lovelydays, danke schön! :-) Das, was ich ihnen gesagt hatte, lief ins Leere... Aber ich freue mich schon auf meine neuen Pläne! Herzliche Grüße in die Highlands!

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  6. Selbst kündigen braucht Mut, darum viel Glück auch von mir! Ich habe auch einmal selbst gekündigt, und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Das konnte ich aber erst im Nachhinein, drei Jahre später, so sagen. Was machst du jetzt? Ziehst du zu Andreas nach Stuttgart?

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  7. So, jetzt habe ich deinen ganzen Blog von vorn bis hinten gelesen. Er ist wunderschön! Ich wünsche dir, dass du bald einen neuen Arbeitsplatz findest, diesmal bei einem guten ArbeitNEHMER. :-) Vielleicht solltest du Tanzjournalistin werden? So wie Koegler oder Clement Crisp?

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  8. @BalletGirl84, danke! Oh ja, der Koeglerblog ist toll! Aber traurig, dass er nicht mehr lebt. Das wäre was: durch die Welt reisen und sich Ballettaufführungen ansehen...:-) Und Clement Crisp - diese atemlose Begeisterung in seiner Stimme, love it!

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