Mittwoch, 2. Juli 2014

40 Eier in 8 Sekunden


Foto: ddp

Als Studentin arbeitete ich ein paar Wochen in einer Schokoladenfabrik. Meine Aufgabe bestand darin, Eier zu zählen.

Das ging so. Wir - acht Frauen - saßen vor einem Tisch, auf dem zahllose Schokoladeneier umherrollten. Durch die Mitte des Tisches bewegte sich ein Fließband, auf dem runde, durchsichtige Schachteln angefahren kamen. Jede von uns sollte nun je fünf Eier in die Schachtel werfen und diese dann an die nächste Person weitergeben, sodass sich am Ende 40 Eier darin befanden. 

Dieser Ablauf wurde in rasanter Geschwindigkeit im Akkord abgespult. Zwei Eier in die eine Hand, drei in die andere, rein damit in die Schachtel, weiterschieben. Jeder Vorgang dauerte etwa eine Sekunde und teilte sich in vier Schritte auf. 

Drei - zwei - rein - weg
Drei - zwei - rein - weg
Drei - zwei - rein - weg

Im Rhythmus dieses Viervierteltaktes verging Sekunde um Sekunde, Minute um Minute, Stunde um Stunde. Trotz des hohen Arbeitstempos habe ich selten das Vergehen der Zeit als so langsam empfunden.

Mein jetziger Arbeitgeber hat sich dasselbe Prinzip zu eigen gemacht. Statt Eier zählen wir Wörter. Wir müssen ein bestimmtes Budget pro Stunde schaffen, dies wird zentral überwacht. Wir arbeiten im Akkord. Dementsprechend werden wir wie Fabrikarbeiterinnen bezahlt.

Diesmal verkaufe ich meine geistigen Fähigkeiten. Sprachkenntnisse, Sprachgefühl, Hintergrundwissen, alles muss blitzschnell abgerufen und für perfekt formulierte Texte nutzbar gemacht werden. Um dies zu erreichen, arbeiten wir mit überhöhter Konzentration, verzichten auf Pausen, drehen das Tempo bis zum Anschlag auf.

Tausend
Viertausend
Zehntausend Wörter
Mehr! Schneller! Noch schneller!

Irgendwann verstehe ich nicht mehr, was ich da lese. Ich will das alles auch gar nicht lesen - all die Texte, die ich selbst nicht geschrieben habe. Die ich so nie schreiben würde. Die ich überhaupt nicht schreiben würde.

Das Fließband rast weiter, und es werden kübelweise Eier nachgeschoben. Habe ich wirklich fünf Eier hineingeworfen? Oder waren es nur drei? Oder sieben? Ich kann nicht mehr. Ich bin ausgepresst, ausgelaugt, ausgebrannt. 

Wir sind wie Schweinchen in der Massentierhaltung - kluge, sensible Tiere, die zu verwertbarem Material degradiert worden sind.

Mein Arzt sagt, dass ich eine Auszeit brauche. Er hat mir Suhlen verschrieben, Abkühlung, Aufenthalte im Freien.

Sobald ich wieder bei Kräften bin, kündige ich. Das wird dann sein, wenn das unablässige Knattern in meinen nächtlichen Träumen aufgehört hat:

Drei - zwei - rein - weg
Drei - zwei - rein - weg
Drei - zwei - rein - weg ...


Kommentare:

  1. Viel Spaß beim Suhlen, lol! :-))) Ich muss daran denken, was du zu mir gesagt hast, als ich eingegipst war. Du hattest Recht, da kamen die besten Ideen und ein neuer Weg hat sich aufgetan.
    Bis bald wieder in den Weinbergen, freue mich schon!
    Love

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  2. @Andreas, und jetzt ist dein neuer Weg meine Inspiration! :-) Freue mich auch schon! ♥

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  3. Hallo, ich habe deinen Blog vor ein paar Tagen entdeckt und beim Lesen ist mir vor allem die Musikalität deiner Sprache aufgefallen, und auch, wie du das "Leben an sich" und die Zeit wahrnimmst. Ich kann mir vorstellen, dass deine musikalische Ader mit so einem Job gar nicht vereinbar ist. Irgendwo wartet bestimmt etwas Besseres auf dich, wo du deine musische Seite mehr ausleben kannst. Gute Entscheidung, da wegzugehen.
    Ich bin übrigens aus Karlsruhe und es ist wirklich schön hier unten! :-))

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  4. Ich stelle mir das auch schwer vor, wenn man einen Job mit so viel Engagement begonnen hat und der sich dann als eine solche Mühle entpuppt. Wusste gar nicht, dass das jetzt auch in anderen Branchen so krass sein kann.

    Ich muss an deinen Text zum Spagat und den großen Sprung denken (jeté oder wie hieß das noch?) und denke: Run as fast as you can!!! Dafür kann die Schnelligkeit dann gut sein.

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  5. @Birgit, danke, ja, das hoffe ich auch! Viele Grüße nach Karlsruhe! Glaube ich dir, dass es dort auch schön ist. Die Landschaft ist einfach toll. :-)

    @Rebecca - ja, leider ist das jetzt oft auch in anderen Branchen so, mit steigender Tendenz... Der Sprung heißt "grand jeté", auf den bereite ich mich jetzt vor. :-)

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