Mittwoch, 11. Juni 2014

Wir sind viele!


Opernhaus, Stuttgart

Als ich Mitte der 80er-Jahre zum Studieren nach Berlin zog, war die Mauerstadt ein Anziehungspunkt für alle, die der Enge kleinerer westdeutscher Städte entfliehen wollten. Wer anders war oder sein wollte, fand hier ein neues Zuhause und eine Gruppe Gleichgesinnter. Endlich war man nicht mehr allein. Hier konnte man alles ausleben, was dort geschmäht wurde, und man konnte es frei und offen zeigen: Schaut her - wir sind Punks, Lesben, Straßenkünstler, Kriegsdienstverweigerer, Teddyboys, Sanyassins...! Wir sind viele! 

Viele Jahre später laufe ich durch Stuttgart und sehe ein buntes Straßenbild anderer Art. Sicher gibt es auch hier Menschen jeder Couleur, ich höre Sprachen aus aller Welt, und wer möchte, kann sich in seinem persönlichen Ausdruck frei entfalten. Doch da ist noch etwas anderes, etwas, das mir erst durch den Kontrast zum heutigen Berlin auffällt: Ich sehe eine ausgewogene Mischung aller Generationen.

Es gibt sie also doch - Menschen in meinem Alter. Hier fallen sie nicht aus dem Rahmen. Wie es aussieht, sind sie selbstverständlich in die Gesellschaft integriert; keiner zwingt sie, anders zu sein, als sie sind, sich zu verbiegen und anzupassen. Anders als in Berlin, wo der Jugend-Hype sie zu Outlaws macht, für die es keinen Platz mehr gibt, sind sie hier ein etablierter Teil des Stadtbildes. Erleichtert atme ich auf. Endlich gehöre ich wieder dazu. Es gibt uns! Wir sind viele!

Erst abends in der Oper frage ich mich, ob ich nun wie eine typische Ballettliebhaberin in den mittleren Jahren aussehe. Mit meinem eklektischen Kleidungsmix aus London Style ("alles ist erlaubt") und Berliner Klamotten ("alles ist egal") fühle ich mich nonkonform, fast out. Schlimmer noch: Als ich in der Pause ein Autogramm und ein Lächeln eines meiner Lieblingstänzer geschenkt bekomme, mein Herz augenblicklich in die Lüfte springt und ich in letzter Minute in den dritten Rang zurückrenne, wird mir das ganze Ausmaß meiner Jugendlichkeit bewusst. Doch die ältere Dame neben mir strahlt auch. Für manche Dinge hat Zeit einfach keine Bedeutung.

Wir Tänzer experimentieren sowieso gern mit Rhythmen und Tempi, bis wir unser eigenes, stimmiges Timing gefunden haben. Dies ist unsere Aufgabe - und darin liegt zugleich auch unsere Freiheit. So sind wir. Wir sind viele.


Opernhaus, Stuttgart

Kommentare:

  1. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!!! Hab dir gerade eine SMS geschrieben, wär so gern da! Du bist einfach toll. Und es wird ein Jahr mit perfektem Timing! Wir sind ja viele, da kann uns nichts passieren. :-)
    All my love und viele Grüße von den Weinbergen.

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  2. Herzlichen Glückwunsch!

    Wenn wir den gleichen Tänzer meinen: Ich bin auch in ihn verknallt. Das Ausmaß unserer Jugendlichkeit ist katastrophal! :-)))))

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  3. hast du heute Geburtstag? Dann herzlichen glückwunsch! Das macht mir mut wenn ich das lese, dass ich noch ganz lange tanzen kann, ich dachte nämlich das ich zu alt bin dazu.
    Meine Lieblingstänzerin ist Alina Cojocaru. Aber dann muss ich nach london fahren.

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  4. Alles Liebe auch von mir!
    Ich finde, in manchen Punkten wird es immer leichter, je älter man wird, vieles fällt von einem ab, weniger Druck, weniger Anpassung usw. Und es ist doch eigentlich auch eine Freiheit, keine Lust mehr zu haben auf den Jugendhype. Finde ich gut, dass du dein eigenes Ding machst und deinem eigenen Timing folgst.

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  5. @Bernhard: :-))
    @Gregori - dann nichts wie hin! Alina wird dort morgen mit Friedemann Vogel in "Romeo und Julia" tanzen, am English National Ballet!
    @Alexander, danke, und du hast vollkommen Recht! In gewisser Weise wird's immer entspannter...

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