Samstag, 28. Juni 2014

Mit dem Herzen voraus




Nun gut, da keiner meiner Stuttgarter Freunde Fußball mag, gehe ich eben alleine los. Irgendwo am Schlossplatz wird es sicher Public Viewing geben. Ich laufe ein wenig umher und mache dann bei einem beliebigen Brauhaus Halt. Bleibe zunächst etwas abseits stehen, ohne mich zu setzen. Das Spiel läuft seit zehn Minuten.

Und dann sehe ich ihn, direkt vor mir. Einen Tänzer vom Stuttgarter Ballett, einen der ganz Großen. Vor ein paar Tagen noch hatte ich meiner Freundin ein Video vorgespielt, das ihn in John Neumeires "Kameliendame" zeigt, und sie war ebenso beeindruckt wie ich von seiner schauspielerischen Ausdruckskraft. 

Ich schaue zweimal hin, dann ein drittes Mal, um sicher zu sein. Aber die Freunde, mit denen er unterwegs ist, sehen so eindeutig wie Tänzer aus, dass es keine Zweifel gibt. Wie um mich dafür zu entschuldigen, dass ich ihn so angestarrt habe, setze ich mich mit betonter Coolness auf den nächstbesten freien Platz.

Zwei seiner Tänzerkollegen unterhalten sich auf Russisch, sie sprechen über Tanzverletzungen. Dann reden sie alle auf Englisch weiter. Das Spiel ist so laut, dass ich nicht weiter zuhören kann, was sicher besser so ist. Denn es gehört sich ja nun wirklich nicht, Gespräche zu belauschen. Doch ich muss sagen: Das hier ist tausendmal aufregender als die Weltmeisterschaft.

Eigentlich habe ich's nicht mit Promis. Ich falle nicht auf Rockkonzerten in Ohnmacht. Unter normalen Umständen jage ich auch nicht nach Autogrammen. Und der rote Teppich der Berlinale, um nur ein Beispiel zu nennen, ist immer an mir vorbei gegangen. 

Aber mit Balletttänzern ist das etwas anderes. Sie kommen aus einer anderen Sphäre, und wenn sie mitten im Alltag plötzlich vor einem auftauchen, ist das etwas ganz Besonderes. 

Sie können fliegen, wie gesagt. Sie können, wenn sie wollen, Bewegung zu Sprache machen. In besonderen Momenten können sie auch so stark eintauchen in die Gefühlswelt ihrer Figur, dass sie über die reine Technik hinausgehen, dorthin, wo die Magie beginnt. 

Zum Beispiel so, wie ich neulich in einem Tanzmagazin gelesen habe. "Neumeiers Dramatik verlangt (...) den Tanz mit dem gesamten Körper, vor allem mit Oberkörper und Kopf, man muss sich gewissermaßen mit dem Herzen voraus in die Bewegung werfen".* Mein Tänzer hier kann das, ich habe es im Video gesehen.

Darum ist es immer gut, sich in die Nähe dieser Tänzer zu begeben. Dann lernt man solche Dinge, wie durch eine Art Osmose. Dafür braucht es keine Worte, Komplimente oder Fragen - es reicht, sich inmitten wogenden Fußballjubels in ihrem Umkreis aufzuhalten und sich im Stillen zu freuen.

Nach dem Spiel bleibe ich noch einen Moment in der Abendsonne sitzen. Ich liebe diese Stadt und die Begegnungen, die sie für mich bereithält. 

"Wir" sind eine Runde weiter. Wer auch immer damit gemeint sein mag, heute gehöre ich dazu. Ich werfe mich in die nächste Runde, mit dem Herzen voraus.




Alexander Calder: "Crinkly avec disque rouge"
und Merkur
Blick vom Kunstmuseum Stuttgart

*Angela Reinhardt, "Mit dem Herzen voraus, Neue Besetzungen in John Neumeires 'Kameliendame'", in: tanznetz.de, 2011

Kommentare:

  1. Friedemann Vogel? ;-)

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  2. Ach, wie schade, dass mir das Tanzen wichtiger war, denke ich gerade nochmal beim Lesen! Hätte die Osmose auch gern erlebt! :-) Und ich liebe deine Begeisterung!

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  3. Das klingt nicht so, als hättest du viel von dem Spiel mitbekommen... Oder? :-)

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  4. @Bernhard, nicht wirklich! ;-)

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  5. @Alexander - richtig geraten! ;-)) Verve und Dramatik, sehr beeindruckend.

    Vielleicht kannst du ja irgendwann nach Stuttgart zurück? Oder möglichst oft kommen?

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  6. Aber warum hast du ihn nicht angesprochen und die anderen auch? Das hätte ich sofort gemacht.

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  7. @Gregori, dann traust du dich mehr als ich! Ich überlege auch, ob ich das nächstes Mal machen soll... Aber die waren halt zusammen unterwegs und ich wollte nicht stören, manchmal kann sowas nämlich sehr nerven... Ich weiß nicht, ob es der richtige Moment gewesen wäre.

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