Sonntag, 15. Juni 2014

Inselbewohner




In meiner Londoner Zeit war ich oft verwundert, wenn vom "europäischen Festland" die Rede war. Die einzelnen Länder in ihrer Vielfalt schienen aus britischer Sicht nicht wichtig zu sein; stattdessen bildeten sie, in weiter Ferne, ein diffuses, graues, gleichförmiges Etwas, den Kontinent.

Ähnlich verhält es sich mit der Region um Paris, auch Ile-de-France genannt. Auch die französische Hauptstadt lebt von ihrem Selbstverständnis als Insel. Alles, was sich außerhalb ihres Umkreises befindet - Großstädte wie Lyon, Marseille oder Toulouse, Landschaften wie die bretonische Küste, die Alpen oder die Pyrenäen - all das ist eins und wird grob zusammengefasst unter dem pauschalen Begriff Provinz.

Königin in diesem Archipel ist zweifelsohne Berlin, deren Identität als Insel sich zur Zeit der Mauer herausgebildet und seither immer weiter gefestigt hat. Denn über zwanzig Jahre nach der Wende steht die Mauer immer noch, sichtbar als ein Lebensgefühl, eine Energie, eine innere Haltung, die alteingesessene Einwohner mit den damals wie heute Zugezogenen teilen: Berlin, das ist etwas ganz anderes. Der Rest von Deutschland ist weit weg.

Ein stürmischer Ozean, eine hauptstädtische Sonderstellung, eine energetisch fühlbare Mauer - sie alle legen sich wie Schutzwälle um die Inseln und lassen eine Daseinsform der besonderen Art entstehen.

Scheinbar unbeobachtet und geschützt vor den Einflüssen der Außenwelt wachsen die Inselbewohner zu einer eigenen Spezies heran, die nur auf einer bestimmten Erde gedeihen kann, eine spezifische Luft zum Atmen braucht, eine eigene Sprache spricht und sich einig ist in einem Grundsatz: Unsereins kann nur hier leben. Denn ihr Inseldasein gewährt ihnen eine ganz eigene Freiheit: Hier, und nur hier, können sie sich in ihrer Exzentrik entfalten, und niemand wird sie dabei stören. 

Woanders, so meinen sie, ist diese Freiheit nicht möglich. Die Welt da draußen - irgendwie ist sie suspekt und fremdartig, eine Art unbebautes Gebiet, das zu erkunden Gefahren in sich bergen könnte. 

Denn wenn sie sich weiter vorwagen, werden sie erstaunt entdecken, dass das Leben an anderen Orten dieser Welt in vormals nie gesehenen Farben blüht und gedeiht. Sie werden beobachten, dass diese Orte durch regen Austausch mit ihren festländischen Nachbarn stetig in Bewegung bleiben und damit immer neue, ungeahnte Früchte hervorbringen. Sie werden fühlen und erfahren, dass sie diejenigen sind, die aus einer entlegenen Gegend kommen, aus einem kollektiv erfundenen Traumland, von einem fernen, einsam leuchtenden Stern.




Kommentare:

  1. Ich mag deine Sprachbilder, die "Festländischen Nachbarn" sind auch lustig. :-)

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  2. Gut beobachtet und schön geschrieben. Ich glaube, dass viele Leute auf ihren eigenen Inseln leben, egal wo, nicht nur bezogen auf Städte, sondern auch auf Lebensbereiche und so weiter. Aber manches begünstigt diese Haltung, das glaube ich auch.

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