Donnerstag, 1. Mai 2014

Mind the gap!




"Lücken im Lebenslauf wecken zwangsläufig das Misstrauen des Arbeitgebers", las ich neulich auf einem Bewerbungsportal.

Lücken sind in der Tat beunruhigend - da gibt es etwas nicht Gesagtes, das sich dem Zugriff und der Bewertung entzieht, einen weißen Fleck, eine geradezu gespenstische Leere. 

Was, so wird sich der Arbeitgeber hier fragen, ist vor sich gegangen während dieser Zeiträume, welchen geheimen Tätigkeiten hat sich die Bewerberin gewidmet - und ist es möglich, ihr auf die Schliche zu kommen?




Vielleicht hat sie eine Reise unternommen und dabei ungeahnte Möglichkeiten des Daseins entdeckt. Vielleicht war sie in subversiven Organisationen aktiv und saß am Ende gar im Gefängnis. Vielleicht ist sie ihrer großen Liebe begegnet und hat für diese alles stehen und liegen lassen. Oder, schlimmer noch: vielleicht hat sie tatsächlich das gemacht, was das Wort "Lücke" ja besagt, nämlich nichts! All das macht sie zu einem unberechenbaren Element in einer Welt festgelegter Abläufe und überschaubarer Zuordnungen.

Doch was sind sie wirklich, diese so gefährlichen Lücken, die es um jeden Preis zu vermeiden oder zu vertuschen gilt?




"Der Tanz ist das, was zwischen den Schritten passiert", habe ich einmal gelesen. Es gibt keinen Stillstand zwischen den einzelnen Positionen, sondern nur mit Leben erfüllte Überleitungen, die ein dynamisches Gesamtgefüge entstehen lassen - und dies gilt, so meine ich, auch für den sogenannten Lebenslauf. 

Die Lücken im Lebenslauf sind Verbindungsglieder, sie sind ein bewegtes, pulsierendes Geschehen. Sie leiten den nächsten Schritt ein, um ihn zu einer gelungenen Position aufblühen zu lassen - eine ruhige Weiterführung des Begonnenen, einen unvermittelten Richtungswechsel, eine Änderung des Ausdrucks oder einen dramatischen Höhepunkt. Sie erzählen eine Geschichte.

Ich kann vielfältige Geschichten erzählen. Geschichten über die Wege von einer Arbeitsstelle zu einer anderen, über logische Fortsetzungen ebenso wie über überraschende Wendungen. Geschichten über Zeiten, die für sich selbst stehen. Und Geschichten, in denen es Fragen gibt, die ich offen lasse.

Diesen Bewerbungsratgebern ist eines nicht bewusst: Sie unterstellen den scheinbar misstrauischen Arbeitgebern etwas sehr Schönes, nämlich jede Menge Phantasie. Ich unterhalte mich gerne mit phantasievollen Menschen, denn sie wissen um die Poesie des Lebens.

Natürlich nur, wenn sie dies auch wollen, mind you.


Sherlock Holmes Museum, London


Kommentare:

  1. Ich freue mich schon so auf deinen nächsten Schritt! :-)

    Hauptsache, du schreibst immer weiter... Deine Geschichten sind wunderbar.

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  2. GRINS, als dieser Kopf von Sherlock Holmes auftaucht, haha! :-)
    Bewerbungsbücher fasse ich nur mit der Kneifzange an. Ich war drei Jahre arbeitslos, bevor ich für den Job nach Freiburg gegangen bin. Das war die intensivste Zeit meines Lebens. Lebe DEIN Leben, das ist das Wichtigste.

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  3. Diese normativen Vorstellungen auf dem Arbeitsmarkt werden immer schlimmer, finde ich. Aber ich bin auch in den 70ern sozialisiert...

    Mir scheint, du hast sowieso viel zu erzählen, mit "Lücken" oder ohne. :-)) Andreas sagt, du hast sowieso fast die ganze Zeit durchgearbeitet.
    Viele Grüße aus Frankfurt!

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