Mittwoch, 14. Mai 2014

Elevator Pitch



Ein elevator pitch - so gelernt in einem meiner Business-English-Kurse - ist eine Art Blitzpräsentation, die durch bildhafte Sprache und starke Argumente Neugier wecken oder, besser noch, sofort in Gänze überzeugen soll. Sie soll nicht länger dauern als eine Aufzugsfahrt: In Sekundenschnelle wird eine Idee vorgestellt, die ebenso schnell das Gegenüber gefangen nehmen soll. 

Da elevator im Gegensatz zum englischen lift ein amerikanisches Wort ist, könnte ich mir vorstellen, dass diese Idee in den USA entstanden ist, möglicherweise in New York, wo die Fahrstühle hoch hinaus wollen und dafür ein besonders hohes Tempo haben müssen.

Ich befinde mich nicht in New York, sondern in Stuttgart, mitten in einem großen Park, und ich habe vor, den Killesbergturm zu erklimmen. Dieser hat keinen Fahrstuhl, sondern Treppen, 348 an der Zahl, und aufgrund seiner schwindelerregenden Konstruktion kann der Aufstieg durchaus eine Herausforderung sein, ganz besonders an einem Tag, an dem der Wind stürmt und das Gemüt aufgewühlte Wellen schlägt.




So beschließe ich, mir alle Zeit zu nehmen für den Aufstieg. Ohne Hast steige ich den Turm hinauf, bleibe zwischendurch stehen, prüfe meine Standfestigkeit und genieße den Blick aus einer immer neuen Perspektive. Jede Treppenstufe hat hier einen Namen und kann somit ein neuer, eigener Aussichtspunkt sein, eine Aufforderung zum Durchatmen und Innehalten. Ich kann in aller Ruhe Gesehenes auf mich wirken lassen und mich freuen auf das, was kommt.




Es ist viel passiert seit dem letzten Frühling. Ich habe einen Job begonnen, der sich schon bald als schlechter Traum entpuppt hat. Aber ich habe auch eine wunderschöne Kunstform entdeckt, die mir eine ganze Welt eröffnet und sehr besondere Begegnungen und Erlebnisse geschenkt hat. Das Leben ist nie entweder schwarz oder weiß, ebenso wie es für Entscheidungen oft keine Eindeutigkeit gibt, sondern nur Schwerpunkte, die man setzen kann.

Aus diesem Grund greifen auch die neumodischen catchphrases nicht, die an meinem Arbeitsplatz so überaus beliebt sind. Sie sind so substanzlos, dass schon der geringste Windhauch sie in alle Richtungen verstreut, bevor auch nur eine von ihnen nach mir fassen und auf mich einreden kann.




Als ich oben angekommen bin, ist mein Kopf frei, und die Richtung für kommende Entscheidungen wird klar erkennbar. Es ist nicht der Zeitpunkt für eilige Entschlüsse und kurzlebige Neugier, sondern für umsichtiges Erforschen und Erkunden, und dementsprechend tragfähig wird das Ergebnis sein. 

Vor meinen Augen breitet sich eine Landschaft aus, die schon viel länger existiert als Fahrstühle, und noch viel länger als jegliche elevator pitches. Sie ist es, die mich überzeugt: Gut Ding will Weile haben.


Stuttgart, Killesbergturm

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