Donnerstag, 10. April 2014

Memento mori




Ein junger Tänzer tanzt zu einer elegischen Melodie, erhebt sich in die Lüfte, stolpert -  und sieht dem Tod in die Augen. 

Statt einem Lehrvideo für Tänzer zu folgen, stehe ich plötzlich vor einem alten Kunstwerk. Memento mori, sagt das Bild - Bedenke, dass du sterben wirst

Memento mori sind Bildmotive aus der Renaissance und dem Barock, die an die Endlichkeit des Daseins erinnern sollen. Sie zeigen Männer und Frauen in der Blüte ihres Lebens, die, wie in allegorischen Totentänzen, plötzlich einem Skelett gegenüberstehen - eine Begegnung von Jugend und Tod, Schönheit und Vergänglichkeit, Sehnsucht nach Entfaltung und Begrenztheit unserer Möglichkeiten.




Der junge Mann lächelt den Tod freundlich und unbefangen an. Auch sein Lehrer hat keine Angst vor dem Tod. Er berührt ihn, bewegt seine Gelenke, hebt seinen Schädel, als sei er schon länger mit ihm vertraut. Der Tod selbst bleibt dabei ganz unbeirrt.

Wir kennen ihn ja. In unserer Kunstform, die nur im Augenblick existiert, ist er ständig präsent - nicht nur, weil der Tanz, kaum erschaffen, schon vergangen ist, sondern auch, weil unser Instrument, unser Körper, verletzbar und veränderlich und damit immer in Gefahr ist.




Ein Grund mehr, die Gegenwart zu zelebrieren. Vielleicht sehe ich mir deswegen so gerne Lehrvideos an. Ich möchte die verborgenen Gesetze unseres Körpers und unserer Ausdrucksfähigkeit verstehen und ergründen, um sie umso mehr achten, genießen und mit Leben erfüllen zu können.

Dies ist ein Video von Wayne Byars, einem Ballettlehrer aus Paris, der mit Elementen der Alexander-Technik unterrichtet. Hier erklärt er, wie sich das Gleichgewicht leichter herstellen lässt.

Eine Balance, sagt er, wird nicht durch Festhalten erzeugt, sie ist eine innere Bewegung. Sie lebt, vibriert, dehnt sich aus - vielleicht noch einen wundersamen Moment länger, als erwartet, und löst sich wieder auf. Memento mori.  



Tanz ab 2:51' 
Tänzer: Xavier Juyon
No copyright infringements intended.

Für Gisela. Ihr gehört das Copyright für diese Beobachtung.

Kommentare:

  1. Wow. Sehr intensiver Text. Danke für die Ideen.

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  2. "noch einen wundersamen Moment länger..." - Das Leben ist wirklich eine Balance. Die ich seit dem Unfall noch mehr mit Leben fülle!
    Du hast es wunderbar in Worte gefasst.

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