Samstag, 12. April 2014

Mein erstes... Tutu!




Es gibt Tutus für die Bühne - Meisterwerke der Nähkunst, die in wochenlanger Feinarbeit für die Ballerina und ihre entsprechende Rolle gefertigt werden. Und dann gibt es einfache Tutus für den Probenraum, die der Tänzerin und ihrem Partner als Vorbereitung für den Auftritt dienen und ihnen eine Ahnung jener anderen Welt vermitteln, in die sie ihre Zuschauer entführen werden.

Diese Tutus gibt es in Tanzläden... - und in Sexshops, wie ich heute bei einem Spaziergang durch Stuttgart entdeckt habe. Offenbar inspirieren Tutus zu Phantasien und Träumen vielfältiger Art.

Als Andreas und ich an dem Laden vorbeilaufen und ich dieses zart dahingehauchte Tutu sehe, das von einer wohlgeformten Ballerina im Schaufenster präsentiert wird, weiß ich jedenfalls sofort: Einmal im Leben möchte ich in solch einem Tutu tanzen.

Kurzentschlossen betreten wir den Laden. Ein junger, ganz in Leder gekleideter Mann kommt uns entgegen. "Für wen soll das Tutu denn sein?", fragt er und zwinkert Andreas zu. "Für mich!", antworte ich und werde verlegen, als hätte ich einen ungewöhnlichen Wunsch geäußert.

Alsbald halte ich eine riesige weiße Stoffwolke in der Hand, und während ich inmitten all der farbenfrohen Liebes-Accessoires zum Umkleideraum gehe, fühle ich mich wie in einem experimentellen Film aus einer anderen Zeit.

Noch traumähnlicher wird das Geschehen, als binnen weniger Augenblicke eine Verwandlung mit mir stattfindet.

Fluffig und luftig umspielt der weiße Tüll meinen Körper, während seine ungewohnt ausladende Form den Raum um mich herum weit, frei und grenzenlos erscheinen lässt. Augenblicklich befinde ich mich in einem schwerelosen Zustand, hebe an zum Flug und...

"Dazu könnten Lackschuhe passen", unterbricht der Verkäufer meine Träumereien, "der Kontrast steigert den Reiz", zwinkert diesmal mir zu und verschwindet im Nebenraum, ohne eine Antwort abzuwarten.

Unterdessen stellt sich Andreas zu mir und beginnt, mich in eine Pirouette zu drehen, die sich allmählich beschleunigt und, einen schwindelerregenden Moment später, behutsam und auf gefühlten Spitzenschuhen balancierend abschließt. Das war mein erstes Pas de deux.

Andreas strahlt, ich schmelze dahin, doch der Verkäufer, der inzwischen mit knallgrünen Schuhen in der Hand zurückgekehrt ist, zieht ein langes Gesicht.

"Ach so", sagt er enttäuscht, "ihr seid Tänzer."

"Was sonst?", entgegnet Andreas.

"Naja, es gibt viele Möglichkeiten", sagt der Verkäufer und grinst jetzt auch.

Die gibt es tatsächlich. Es gibt unendlich viele zusätzliche Möglichkeiten, all das zu erleben, wozu das Inventar seines Ladens anregt - Experimentierfreude, Leidenschaft, Ausgelassenheit, Glück... Tanzen ist eine von ihnen. Der Mann in Leder muss das insgeheim geahnt haben, als er sein Angebot um dieses märchenhafte Kleidungsstück erweitert hat.

Er ist freudig überrascht, als ich es dann tatsächlich kaufe, und schenkt uns eine Schachtel mit bunten Kondomen dazu.

Beschwingt verlasse ich den Laden: Ich habe jetzt ein Tutu! Wo ich das herhabe? Nun, Stuttgart ist eine Ballettstadt, und Tutus gibt es hier überall.

Kommentare:

  1. haha, das war bestimmt ne Gaudi!
    Ich finde es toll, wie du abwechselnd zu sehr ernsten und tiefen Themen schreiben und dann wieder so lustig sein kannst! :-)

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  2. Lol, ich dachte, du bist ein Junge?!
    Das nennt man Experimentierfreude!! Ich glaube, ich sollte auch mal zum Ballett gehen. Wir beim Contemporary haben keine Tutus und noch nicht einmal "gefühlte Spitzenschuhe", :-)))

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