Samstag, 22. Februar 2014

Wenn ich ein Junge wär


David Hallberg
Foto: Pierce Jackson

Ich habe sofort eine Antwort, als unser Ballettlehrer uns auffordert, eine in uns verborgene Charaktereigenschaft zum Ausdruck zu bringen.

Erst kürzlich habe ich es entdeckt: Beim Ballett wäre ich gern ein Junge. Ein junger Nureyev, der gerade sein Heimatland verlassen hat, um wie ein Wirbelsturm die Bühnen der Welt zu erobern und die Rolle des männlichen Tänzers zu revolutionieren. Ein Baryshnikov, der dank seiner Flugkraft ungeahnte Dimensionen des Daseins entdecken durfte. Oder einer der vielen Tänzer von heute, die, wie alle Ballerinos, den Mut haben, Männlichkeit und tänzerische Anmut zu verbinden und daraus etwas ganz Eigenes entstehen zu lassen.

Ich hätte Muskeln und Sprungkraft, wenn ich ein Junge wär. Mit ausladenden Gesten würde ich mir den Raum zu eigen machen, und ich würde ohne Umschweife zeigen, was ich bin, will und fühle. Das alles gepaart mit einer Feinheit und Zartheit, die einen schillernden Kontrast bildet zu meiner forschen Präsenz.

Anarchistisch wäre ich, frech und querköpfig: Traditionelle Rollenzuschreibungen? Bei mir greifen die nicht. Die Gesetze der Schwerkraft? Die wurden erlassen, um gebrochen zu werden! Ich wäre halb so schwer, wenn ich ein Junge wär!

Beim Tanzen kann ich sie oft spüren, meine jungenhafte Energie. Dabei soll Ballett doch was für Signorinas sein. Aber es ist ganz anders. Es bringt Verblüffendes und Verborgenes zum Vorschein, und damit katapultiert es einen in eine andere Daseinsform. Ich bin ein Junge.


David Hallberg
Foto: Rosalie O'Connor

Kommentare:

  1. Kenne ich! Andersherum! Ist sehr bereichernd für die Ausdruckskraft.

    Du hast sehr viel Fantasie und bestimmt auch Schauspieltalent.

    NB. Wir Jungs aber auch nicht immer so "ohne Umschweife"... ;-)

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  2. Danke für das Kompliment, dass wir mutig sind! :-)

    Aber träumst du nicht auch manchmal von romantischen Tutus? Die weiblichen Rollen finde ich oft interessanter. Von denen würde ich träumen, wenn ich ein Mädchen wär. ;-)

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  3. @Bernhard - doch, durchaus! Das schließt sich nicht aus... :-)

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  4. Cool, weiter so! Meine Contemporary-Dance-Lehrerin sagt immer: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, probier alles aus, was dir einfällt, gehe Risiken ein, und dann wird das Tanzen interessant.

    "Ich wäre halb so schwer, wenn ich ein Junge wär" - da musst ich loslachen!
    Kennst du die Version des Liedes von Nina Hagen, wo die dritte Strophe anders ist?

    Liebe Grüße von Rosalie

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  5. @Rosalie: ja, kenn ich! ;-)))

    Deine Contemporary-Lehrerin ist bestimmt sehr inspirierend. Das möchte ich auch gern eines Tages ausprobieren...

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  6. Hi Annette, seit 5 Wochen kein Post. Ich vermisse deine Gedanken/Worte. Wo ist deine Feder/wo bist du? :-)

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  7. @Lovelydays - danke für die Nachfrage - hab einige Texte im Entwurfs-Ordner, die warten noch auf den richtigen Zeitpunkt in bewegten Zeiten... I'll keep you posted. Herzliche Grüße in den hohen Norden!

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  8. Wenn man deinen neuen Text (mit dem Tutu) als Ergänzung nimmt, wird daraus dein Merkur. Auf Flügelschuhen! :-))

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