Mittwoch, 1. Januar 2014

Neujahrskonzert




Ihr könnt es natürlich versuchen.

Ihr könnt versuchen, eure Angestellten in Roboter zu verwandeln.

Ihr könnt ihren Sinn für Schönheit deaktivieren, so dass sie die unübertreffliche Hässlichkeit der Büroräume nicht mehr wahrnehmen.

Ihr könnt sie so programmieren, dass Höchstgeschwindigkeit, Optimierung und Output die Werte sind, die ihr Roboterdasein lebenswert machen, und zugleich Wörter wie Sinn, Miteinander und Freiheit von ihrer Festplatte löschen.

Ihr könnt eine Einstellung einbauen, die die direkte Kommunikation von Roboter zu Roboter überflüssig macht, da die Übermittlung von Zeichen bereits ihren Zweck erfüllt.

Da nun Fühlen, Sprechen und die Möglichkeit freier Gedankenverbindungen ausgeschaltet sind, müsste jetzt ja alles optimal laufen.

Doch eines habt ihr übersehen, als ihr die Roboter auf ihre Bürostühle platziert habt: Roboter haben einen Körper. Und der Körper lügt nicht. Der Körper spricht, ganz gleich, was er tut, ganz gleich, in welche Gewänder man ihn gezwungen hat, und er spricht umso deutlicher, wenn seinem Träger andere Sprachen verweigert werden.

Und jetzt hört euch das an.

Früher oder später geht es los. Sie fangen sich Viren, sie bekommen Ausfälle, ihre Schrauben werden locker. Sie gnatzen, schnarren und quietschen. Mit jedem Einschalten ertönt ein Knattern, mit jedem weiteren Ankurbeln geht ein Zischen durch den Raum. Die Aktivität ihres Getriebes wird von einem unaufhörlichen Kratzen und Scharren begleitet, und schon bald ist der ganze Raum mit Tönen und Misstönen verschiedenster Art erfüllt. Und während das dumpfe, anhaltende Grummeln im Hintergrund allmählich intensiver wird, beginnen sie, in immer kürzeren Abständen mit einem geräuschvollen Knall zu implodieren. Es kracht, knackt und poltert, es bullert und böllert, es klirrt und scheppert - das alles in einem Rhythmus, der all eure Vorgaben außer Kraft setzt.

Gemeinsam kreieren sie ein ohrenbetäubendes Konzert - und durchbrechen damit die Höllenstille. 

Und plötzlich erinnern sie sich wieder. Längst verloren geglaubte Wörter tauchen aus dem Land des Vergessens auf, Wörter, die sie nur ein einziges Mal aussprechen müssen, um zu ihrer menschlichen Gestalt zurückzufinden und zum Ausgang zu gelangen.

Und ihr - ihr bleibt allein zurück im nunmehr menschenleeren Raum.

Kommentare:

  1. Okay, jetzt verstehe ich, warum Nurejew ein wichtiges Vorbild ist! Zeig's ihnen, da hilft nur ein Wirbelsturm! :-)
    Frohes neues Jahr!

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  2. @Bernhard, das werde ich... Dir auch ein schönes neues Jahr, liebe Grüße nach Frankfurt! :-)

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  3. Wie schön, dass es gut ausgeht!
    Man merkt, dass du selbst Musik machst, lol. :-)))

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  4. uiii, das klingt konfliktgeladen. Hoffe du implodierst nicht. Ist der Tanz ein Ventil?
    Viele Grüße aus L. an der Th.

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  5. Hi, AnneS, Wenn es den anderen auch so geht, könnt ihr euch vielleicht zusammentun? Ich würde so gern auch nach Berlin ziehen, wegen der Tanzszene dort. So einen tollen Ballettlehrer wie du ihn hast, gibt es hier einfach nicht, zum Beispiel. Aber wenn es so schlimm ist mit den Jobs... Ist es so?

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  6. @Marius, es kommt drauf an. Für Geisteswissenschaftlicher und allgemein im Bereich Kunst und Kultur ist es sehr schwer, hier etwas zu finden... Meine Firma folgt allerdings einem britischen Modell - das ist zum Glück nicht beispielhaft. :-) Ich würde sagen, probier's - es ist schön hier, nicht nur tänzerisch. Viel Glück und alles Gute für 2014!

    @Lovelydays, nein, eher explodieren! :-) Viele Grüße an die Themse.

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