Montag, 2. Dezember 2013

Wörter




Wie alle Lebewesen brauchen Wörter die Gesellschaft anderer, um sich in einem sinngebenden Gefüge zugehörig zu fühlen. Sie schließen sich verschiedenen Gemeinschaften an, und je nachdem, mit wem sie sich zusammentun, verändern sie Ausdruck und Ausstrahlung.

Manche geraten in schlechte Gesellschaft, andere bilden eine Gang, um zu provozieren, wiederum andere finden ihre idealen Seelenverwandten und entfalten sich gemeinsam zu einem einzigartigen Ensemble, das anderen zum anregenden Begleiter wird.

Im Zuge der Industrialisierung veränderte sich auch die Stellung der Wörter in der Gesellschaft. Wörter wurden von nun an gezählt, gewogen und gemessen, um daraufhin als Gruppe einen Wert zugewiesen zu bekommen. 

Dabei entstand auch das Phänomen der Zwangsgruppierung. Wörtergruppen sollten nunmehr leicht verdaulich und verwertbar sein, sich zu Paketen bündeln und zu gezielten Zwecken einsetzbar gemacht werden. Mit der Einführung von Maschinen wird diese Idee seither immer weiter perfektioniert.

Ein Schicksal, das auch jene Wörtergruppen betrifft, die sich mit denen aus anderen Ländern verständigen wollen. Statt einem Vermittler werden diese nun in Fabriken sogenannten Translation Machines zugeteilt. Die Wörtergruppen der einen Sprache werden in die Maschinen geworfen, gemixt und verarbeitet, um in der jeweils anderen Sprache ausgeworfen zu werden.

An den Fließbändern sitzen Übersetzer und Lektoren, die überprüfen sollen, ob die Wörter tatsächlich in Reih und Glied aufmarschieren. Für eine kunstvolle Neuordnung oder ein bereicherndes Erweitern der Gruppe bleibt kaum Zeit. Die Mitarbeiter müssen eine bestimmte Anzahl an Wörtern pro Stunde durchschleusen, die weitaus höher ist als das, was ihr wörterliebendes Herz betreuen kann.

Ihrer Beweglichkeit beraubt, müssen die Wörter nunmehr zusammengepfercht im Käfig eingeschränkter Bedeutungen und Horizonte verharren, während sie von all den anderen Wörtern träumen, denen sie gern begegnen würden, und sich die wunderbaren Kombinationen ausmalen, die sie miteinander bilden könnten, wenn man sie in die Freiheit entließe.

Doch wie alle Wesen, die eine Seele haben, können Wörter in ihrem Inneren ungeahnte Energien entwickeln. Ich kann sie spüren -  ihre subversive, brodelnde Kraft. Und ich weiß, dass es Wege gibt, ihnen bei der Vorbereitung auf ihre Revolution zu helfen. Wörter können sich im Untergrund organisieren und Banden bilden. Sie können sich auch zu einem öffentlichen Blogpost formieren. Und das ist erst der Anfang.


Kommentare:

  1. Da wo ich arbeite in der Grossküche ist es auch so! Man hat keine Zeit, ein richtig gutes Essen zu machen und dann bin ich frustriert. Ich wünsche dir aber das es trotzdem Spaß macht.

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  2. Die armen Wörter... Man möchte sie in den Arm nehmen. :-(
    Nieder mit der Massenwörterhaltung! Aber ich freu mich schon auf deine nächsten Kampfschriften...
    Solang du so poetisch schreiben kannst, wird alles gut. :-)

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  3. Das Foto ist klasse! Wie hast du das gemacht, wo ist das?

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  4. @Gregori, ja, das glaube ich dir... Hoffentlich findest du bald etwas in einem kleineren Restaurant!

    @Andreas, ja! Nieder mit jeglicher Massen...haltung!

    @Rebecca, danke, das Foto entstand spontan vom S-Bahnsteig aus, Hackescher Markt, hier in Berlin.

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