Sonntag, 8. Dezember 2013

Geflügelte Füße


Giambologna: Mercurio, 1580, Firenze
I do not own this foto

Das wusste ich bisher noch nicht. Während wir uns an der Attitude versuchen, erwähnt mein neuer Ballettlehrer beiläufig, dass diese Position vom "Fliegenden Merkur" inspiriert wurde, der in Florenz zu sehen ist.


Offenbar ist Merkur einer, dem man überall begegnet. In der Tat war Merkur, auch Hermes genannt, ein viel gefragter griechischer Gott, der für vielfältige Aufgaben zuständig war. Als Gott der Magie und der Träume, der Wanderer und Reisewege, des Denkens und der Redekunst, des Handels und der Kaufleute war er rund um die Uhr beschäftigt. Vor allem aber war er der Verkünder der Beschlüsse des Zeus, der Mittler zwischen dem Olymp und der Welt der Sterblichen. Er musste schnell sein als Götterbote - doch dank seiner Flügelschuhe war ihm dies ein Leichtes.

Ebenso vielseitig wie seine Aufgaben waren auch seine Erfindungen: So ersann er die Lyra, die Tonleiter und das griechische Alphabet, entwickelte Sportarten wie Boxen und Turnen und erfand darüber hinaus die Astronomie und die Kunst der Weissagung. Bisexuell und leichtfüßig, wie er war, boten sich ihm dabei genügend Gelegenheiten für diverse Liebschaften, und so bereicherte er die Welt mit zahlreichen Nachkommen.

Kein Wunder also, dass Merkur zum Olymp gehörte. Es gab offenbar nichts, was ihm schwerfiel - auch nicht das Halten einer Attitude.

Die Bronzestatue von Giovanni di Bologna, auch bekannt als Giambologna, zeigt ihn mit einem geflügelten Helm und geflügelten Füßen. Anmutig und schwerelos schwingt Merkur sich in die Lüfte. In der einen Hand hält er den magischen Hermesstab, mit dem er Träume bewirken kann. Mit seiner erhobenen Rechten deutet er dorthin, woher alle Weisheit kommt.


Und so stelle ich mir seither beim Tanzen der Attitude Folgendes vor: Meine Schuhe haben Flügel und verleihen ein Gefühl von Leichtigkeit und Mühelosigkeit, während mein Körper Himmel und Erde zu einer harmonischen Linie verbindet. Dabei frage ich mich: Welche Botschaft der Götter kann ich vernehmen, und welchen Traum will ich vermitteln? 


Roberto Bolle
Foto: Rosalie O'Connor

Angel Corella
Foto: Mary Cargill

Alina Cojocaru
I do not own this foto


Kommentare:

  1. Danke für diese neue Sichtweise - ich finde Attitudes nämlich ziemlich ätzend! Ich glaube, deine Gedanken werden mir helfen, das anders zu sehen...

    AntwortenLöschen
  2. Ist Merkur nicht auch der Schutzgott deines Blogs?

    Charmant, der Text, wie immer! ;-)

    AntwortenLöschen
  3. @Andreas, ja, und unseres Sternzeichens! :-)

    @Daniela, ja, vielleicht wird alles einfach mit einer Botschaft vom Olymp...

    AntwortenLöschen
  4. TanzFan80, Alexander11. Dezember 2013 um 18:03

    Wunderbar. Ich wusste das zwar, habe aber nie etwas damit gemacht. Den Bewegungen eine Bedeutung geben oder eine eigene Idee ist ja immer die Aufgabe...

    AntwortenLöschen
  5. @Alexander, nicht unbedingt - es gibt ja auch abstrakte Tänze und Choreographien, und manchmal ist der umgekehrte Weg noch viel schwieriger...

    AntwortenLöschen
  6. @Andreas, das stimmt, angefangen bei den abstrakten Balletten von Balanchine und so weiter. Aber das ist eher für den Zuschauer schwierig, der mit Abstraktion nicht umgehen kann und in allem etwas sehen will...

    AntwortenLöschen
  7. @Alexander, stimmt, ist mit abstrakter Kunst ja auch so - man möchte als Betrachterin immer irgendwelche Formen, Zusammenhänge, Bedeutungen erkennen (oft auch zum Leidwesen der Künstler selbst, die sich dann die ganzen Kommentare anhören müssen...)

    AntwortenLöschen
  8. Wenn du einen neuen Ballettlehrer hast, gehst du dann eigentlich nicht mehr zu Sabine?

    AntwortenLöschen