Freitag, 22. November 2013

Wolken





"Dann frag doch Micaela", sagt mein Abteilungsleiter, Language Manager genannt, an einem meiner ersten Arbeitstage.
"Wo sitzt Micaela, wie sieht sie aus?", frage ich.
"Micaela sitzt in Kyoto, sie arbeitet zeitversetzt, du kannst sie also kontaktieren".

Irgendwann habe ich es verstanden: So gut wie jede Form der Kommunikation findet hier in einer großen weißen Chat-Wolke namens Skype statt.

Es gibt Gründe dafür. Zum einen arbeiten wir so konzentriert, dass jedes gesprochene Wort tatsächlich stört. Ich habe beim Betreten der Räume jedesmal das Gefühl, mich in einer Examensarbeit zu befinden, so still ist es in unserem Großraumbüro.

Zum anderen halten sich die meisten unserer Kollegen sowieso an anderen Orten auf. Das Hauptquartier liegt in England, die Systemadministratoren retten die Computer von Riga aus, diverse Project Manager sowie andere Übersetzer, mit denen ich in Kontakt bin, widmen sich ihren Aufgaben in Toulouse, Bilbao und Mailand.*




Ich habe gelesen, dass neunzig Prozent jeder Kommunikation nonverbal stattfindet. Diese 90 Prozent muss ich also in meinen 10-prozentigen Kontakten in meiner Vorstellung ergänzen. Eine interessante Aufgabe, anhand weniger Indizien ein Gesamtbild zu entwickeln: Das meiste ist schlichtweg meiner Phantasie überlassen.




Wer ist zum Beispiel Sveto aus Riga, der die schrägen Texte eines russischen Softwareprogramms für Architekten übersetzt und dessen Chatbeiträge extrem einsilbig formuliert sind? Ist er ein Nerd, der mit Wollmütze in beheizten Büroräumen sitzt und Wortkargheit mit Coolness gleichsetzt? Oder ist er einfach ein stiller Mensch, der sich nur auf das Wesentliche konzentrieren möchte und abends Schach spielt, um sich zu entspannen?

Wer ist Chloé aus Toulouse, die immer fünf Mails hintereinander schickt, weil sie jedesmal etwas vergessen hat, und deren Chats mit zahllosen Emoticons geschmückt sind? Hat sie eine chaotische Wohnung, in der alles drunter und drüber geht, während ihre zehn Handys, die sie alle verlegt hat, gleichzeitig klingeln? Vielleicht hat sie einen ruhigen, gemütlichen Mann, der sie über alles liebt?

Wie soll ich mir Miguel aus Bilbao vorstellen, der mir mit seiner Pedanterie auf die Nerven geht, der aber - offenbar zum Ausgleich - eine Hanfpflanze als Profilbild hochgeladen hat? Ist er eigentlich ein leidenschaftlicher Musiker, der nur darauf wartet, bei Feierabend endlich seine Gitarre zu stimmen und seinem Ausdruckswillen freien Lauf zu lassen?  




Und wer sind die Kolleginnen in unserem Büro, denen ich per Chat begegne, als säßen auch sie in Kyoto? In welchen Welten sind sie unterwegs, wenn ihr Blick durch den Raum schweift?

Das Reich der Phantasie verlasse ich am Freitag Abend. Da geht es nämlich in guter englischer Tradition mit meinem Berliner Team in den Pub. Dort kann ich dann wahre Begebenheiten aus dem echten Leben erfahren und lerne ganz ohne mein Zutun die Gesichter zu den Texten kennen, während draußen vor dem Fenster die Wolken vorbeiziehen.




*Anmerkung der Redaktion: Aus Gründen der Diskretion habe ich die Eigennamen und die geographische Lage der Orte leicht verändert.

Kommentare:

  1. Mit deiner Phantasie und deiner Art, die Welt zu sehen, machst du aus jeder Situation etwas Kreatives und Interessantes! So wirst du immer gut klarkommen!

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  2. Schöne neue Welt...

    Ich freue mich, dich nächstes WE jenseits weißer Netwolken kennenzulernen! :-))

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  3. PS. Aber ich glaube, du musst JEDEN TAG tanzen, als Ausgleich zu den körperlosen Begegnungen... :-)

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  4. @TanzFan80 - zur schönen neuen Welt lässt sich noch viel sagen, weitere Blogposts folgen! Bis Samstag! :-)

    @Andreas: Au ja!!!
    Habe schon öfter gedacht, dass beim Tanzen eine sehr besondere Nähe entsteht, durch die Körperlichkeit, und ganz ohne Worte. Aber wem sag ich das... :-) Vielleicht schreibe ich da mal was drüber.

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  5. Das ist wirklich ein "anderer" Arbeitsplatz irgendwie.
    Schon spannend, wenn eine viele der nonverbalen Kommunikationsmglichkeiten nicht nutzen kann.
    Gruß
    Oona

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  6. Hach, ich bin immer begeistert, deine Gedanken, Phantasien, Betrachtungen, Beobachtungen zu lesen. Viele Grüße über den Kanal (non-verbal schmunzelnd).

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  7. @Oona - das scheint der Arbeitsplatz der Zukunft zu sein... - ich glaube, ich gehöre mittlerweile definitiv einer anderen Generation an! ;-)

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  8. @Lovelydays, hihi, das freut mich. :-) Und danke für die schöne Karte aus London - nein, London wird's wohl nicht in den nächsten Monaten, wenn GB, dann Schottland, ich brauche Erholung! ;-)
    Enjoy your time!

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