Sonntag, 17. November 2013

Sprühende Funken


Sylvie Guillem
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"Aber beim Ballett wirst du es nicht rauslassen können", meint ein Kollege, als ich, wütend über meine Überstunden, mir meine Royal-Ballet-Tasche über die Schulter werfe und zum Treppenhaus stürze.

"Oh doch!", entgegne ich, während ich die Tür hinter mir zufallen lasse.

Denn ganz gleich, ob es sich um lyrisch-zartfühlende oder schwungvolle, extrovertierte Passagen handelt - Ballett erfordert Willenskraft. Und dies setzt ein starkes inneres Feuer voraus. 

Jeder Moment verlangt hellwachen Einsatz, Aufmerksamkeit und oft auch Ausdauer. Das muss man wollen - und dafür kann grimmige Entschlossenheit durchaus hilfreich sein.

Dementsprechend tragen einige Elemente die vielsagenden Bezeichnungen battu (geschlagen), frappé (geklopft), coupé (geschnitten), jeté (geworfen), brisé (zerbrochen), piqué (gestochen), chassé (gejagt) oder, wenn man es noch weiter treiben will: batterie (Schlagabfolge), oder grand battement jeté (großer geworfener Schlag) - und die Liste lässt sich weiter fortsetzen.

Auch Drehungen sind nicht unbedingt dahingeschmolzene "creamy pirouettes" - so gehört auf einem Probenvideo des Londoner Royal Ballet. Daneben gibt es sogenannte fouettés (gepeitscht), bei denen ein Bein energisch ausschlägt, während der Körper sich in hohem Tempo um die eigene Achse dreht.

Die berühmtesten Fouettés werden von der bösen Zauberin aus Schwanensee, auch bekannt als Schwarzer Schwan, getanzt - ganze 32, wenn sie richtig gut - oder besser gesagt: richtig böse ist.

Hier ist sie. Meine Lieblingstänzerin Sylvie Guillem, voller Kampfeslust, im schwarzen Tutu, unterstützt von einem laut schmetternden Orchester.


Sylvie Guillem
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Wenn ich also ein Fouetté und dergleichen tanze - eins oder gefühlte Hunderte davon, erlebe ich, wie die aufgeheizte Energie nach außen geschleudert wird, wie Funken, die kurz und heftig aufblitzen, um dann im Nichts zu verschwinden.  

Dabei kann ich "es rauslassen", definitv. 


Kommentare:

  1. Let's go!!!

    Und lass dir nichts gefallen!

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  2. Das ist interessant mit deiner Idee zur Willenskraft, Feurigkeit und Aggressivität. Bin ich noch nicht drauf gekommen, aber da ist was dran! Immer neue Ideen in deinem Blog, und auch immer mit ganz eigenem Kopf und flott geschrieben, das gefällt mir!

    Aber richtig schöne creamy pirouettes würde ich auch gern mal tanzen LOL

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  3. HAHAHA das mit dem "richtig böse" find ich klasse! :-))

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  4. Das fetzt!!!
    Wenn ich das lese, dann möchte ich nur noch tanzen und alles andere von mir werfen!
    Sylvie Guillem: Best ever.
    Herzliche Grüße aus Kiel. Ich denke manchmal noch an den Tanztheaterworkshop, du auch?

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  5. Mit "Mademoiselle Non" als Lieblingstänzerin hast du sicher die beste Wahl getroffen! Eine Frau mit Charakter.
    Habe gerade eine neue Dokumentation über sie auf Youtube gesehen - "Sylvie Guillem, Force of Nature", interessiert dich vielleicht? Lg aus Frankfurt, auch an Andreas.
    PS. Fouettés sind so a***-schwer, ich hasse sie. :-)

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  6. Oh ja, Mademoiselle Non ist einmalig. Aber @AnneS, du auch! :-)

    @Bernhard, weißt du noch, wie wir nachts am Ufer Pirouetten und Fouettés geübt haben? Wie lang ist das jetzt her???

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  7. @Andreas - zwanzig Jahre? 25??? Ich kann's kaum glauben.... Ich freue mich schon auf meinen Besuch bei dir in Berlin.

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