Sonntag, 3. November 2013

Das Geheimnis des Spagats


Quelle: balletmasterclass.com
Copyright: Daria Klimentova 


Der Spagat war immer eines meiner Sehnsuchtsobjekte. Wer den Spagat ausführen kann, so scheint mir, hat Zugang zu einem Aspekt des Tanzens oder des Erlebens, der mir noch verschlossen ist. 

Technische Fähigkeiten haben mich als Selbstzweck noch nie interessiert. Sie können aber den tänzerischen Ausdruck unterstützen und vertiefen, und, so meine ich, auch das Erleben, das hinter diesem Ausdruck liegt - wenn nicht sogar Erfahrungen ermöglichen, die einem in dieser Form bislang unbekannt waren. Was hat es also auf sich mit dem Spagat?


Vladimir Malakhov
Quelle: staatsballettberlin.wordpress.com

Im Yoga heißt der Spagat Hanuman-Asana - frei nach der Legende des Affengottes Hanuman. Diese geht in Kürze etwa so:

Fürst Rama war ein kluger und gerechter Herrscher, der hohes Ansehen in seinem Königreich genoss. Der Dämonengott Ravana war eifersüchtig auf ihn, und als er erfuhr, dass Rama die Liebe der liebreizenden Sita gewonnen hatte, entführte er sie und brachte sie mit seinem Himmelswagen an einen unbekannten Ort. Verzweifelt irrte Fürst Rama durch das ganze Land, bis er in den Wäldern auf den gewaltigen Hanuman traf.

Hanuman, Sohn der Winde, war mit übermenschlichen Kräften gesegnet, denn er war in der Lage, jede Gestalt anzunehmen, die er wollte, und er konnte fliegen. Er versprach Rama, ihm bei der Suche behilflich zu sein, und schon bald hatte er Sitas Aufenthaltsort ausfindig gemacht. Um seine Aufgabe zu meistern, versank er zunächst in tiefe Meditation und bat die Götter um Gnade. Dann sprang er mit einem einzigen großen Satz von der indischen Küste bis nach Lanka, um Sita zu befreien.

Aus Respekt vor dieser Meisterleistung wurde dieser Riesenschritt Hanuman-Asana genannt - und gilt seitdem als Sinnbild für die Überwindung von Hindernissen.

Quelle: balletto.net

Im Ballett wird der Spagat als fliegender Sprung getanzt. Selbstverständlich erhöht dies seine Attraktivität noch um ein Vielfaches.

Bisher bin ich noch mit einer Vorübung zum grand jeté beschäftigt. Die sieht so aus: Einen Fokus setzen, mit vielen Schritten Anlauf nehmen, springen, und möglichst weich auf einem Bein landen. Die Arme dürfen währenddessen noch fliegen, wohin sie wollen. Da dies bei mir, sagen wir mal, ausbaufähig ist, werde ich es sicher noch unzählige Male üben.

Denn ich will das lernen. Ich meine, das ist doch was: Einen Ozean überqueren, einen Dämonen besiegen, und auf dem Weg dahin spüren, wie einem der Wind um die Ohren saust. 


Sylvie Guillem
Quelle: lefigaro.fr
I do not own this foto


Kommentare:

  1. Schöner Text. Du solltest irgendwann ein Buch über Vorstellungsbilder schreiben...

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  2. ... und jemanden retten! fehlt noch im letzten Abschnitt. Wie Sylvie Guillem hier - sehr entschlossen, das Foto passt super, zu der Geschichte, und zu dir.

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  3. Hier eine Ermutigung für dich: Ich habe 15 Jahre gebraucht für den Spagat, dieses Jahr hat es dann geklappt. Und ich bin alt! Aber pass auf beim Üben.

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  4. PS. Und ich mag es, wie du deinem Tanz immer etwas ganz Persönliches gibst. Stretching und Sprünge "an sich" haben keine Bedeutung, das stimmt. Aber eine eigene individuelle Motivation..., das hat was. Viel Erfolg! :-)

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