Samstag, 5. Oktober 2013

Allegro con grazia





Quelle: Wikipedia



Einen Moment lang traue ich meinen Ohren nicht.

Die Leiterin des Tanztheater-Workshops hat Musik zum Thema "Erinnerungen" angekündigt, und wir hatten etwas Eingängiges, Tanzbares erwartet. Stattdessen erklingt der zweite Satz aus Tschaikowskis 6. Sinfonie, und nun sollen wir daraus eine tänzerische Idee entwickeln.

Ich kenne das Allegro con grazia. Ich weiß noch, wie es uns in zahlreichen Orchesterproben mit einer Besonderheit herausforderte: Es wurde im Fünfviertel-Takt komponiert. Und dieser hat einen sehr eigenwilligen Charakter.

Wir sind noch lange nicht bei Brubecks jazzigem Take Five angekommen. Wir befinden uns in Russland, im Jahr 1892. Tschaikowski schaut in seiner Sinfonie auf ein Leben voller Rückschläge zurück, und dafür hat er eine Taktart gewählt, der sich dem ordnenden klassischen Ohr widersetzte.

Dabei erscheint das Allegro con grazia zunächst wie ein Lichtblick in der sonst sehr düsteren Sinfonie. Doch was wie ein Walzer anmutet, erhält durch den 5/4-Takt einen eigenartig stolpernden Charakter. Dies wird durch den Kontrast zur verspielten Melodiestimme noch verstärkt, wodurch eine geradezu spukhafte, gespenstische Stimmung entsteht.

Wer aufmerksam hinhört, merkt sehr bald: Das hier ist kein heiterer Tanz, ist keine Reminiszenz an glückliche Zeiten. Nicht die Melodie, sondern der darunter liegende Rhythmus gibt dem Stück Gestalt und Charakter. Und was tänzerisch daherkommt, ist in Wahrheit voller hintergründiger Bedrohlichkeit. 

Für uns Musiker war es unmöglich, uns mitreißen zu lassen: Wer nicht wachsam war und strikt mitzählte, wurde prompt aufs musikalische Glatteis geführt und flog aus dem Takt. Später noch unterstützt durch eine stetig pochende Pauke, flüstert einem die Metrik warnend zu: Achtung! Hier ist nichts so, wie es scheint.

Dies also ist mein Beitrag zum Tanztheater-Workshop:

Ein Schwarm pastellfarbener Wesen schwebt über die Tanzfläche - sie sind die Verkörperung von Illusionen und verklärenden Erinnerungen. Ihr Tanz wird durchkreuzt von fünf unförmigen Figuren, die sie immer wieder daran hindern, ihre Bewegungen elegant zu vollenden. Vergeblich ist ihr Versuch, den Raum in ein Traumland zu verwandeln. Diese Fünf sind diejenigen, die hier den Takt angeben, mit unbeugsamer und beschwörender Beharrlichkeit.

Eins zwei drei vier fünf...
Eins zwei drei vier fünf...
Eins zwei drei vier fünf...


Tschaikowski, Sinfonie Nr. 6 "Pathétique"
2. Satz: Allegro con grazia
Orchestra del Teatro alla Scala di Milano, Yuri Termikanov
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Kommentare:

  1. Oh, kannst du morgen einen Clip mit deinem Smartphone machen?
    Die Workshops bei Leonora sind toll, oder? Hast du sie gegrüßt?
    Und deine Texte, wie immer eine Inspiration, so vielseitig.
    Die fünf unförmigen Figuren... lol. :-) Kommen mir bekannt vor, die Jungs. :-))

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  2. @Andreas, Klar, wir filmen das am Ende.
    Leonora grüßt dich auch ganz herzlich, sie hat dich schon vermisst!! Sie möchte wohl im April wieder nach Berlin kommen.
    Und diese fünf Jungs: Zum Glück gibt's noch andere! :-))

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  3. Aber ich würde lieber eine der Figuren tanzen als die Illusionen! :-) Wie fanden Leonora und die anderen deine Idee?

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  4. @Andreas, sie fanden das gut und wir wollen das morgen umsetzen, und wir sollen und heute Abend/Nacht noch konkretere Gedanken machen...

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  5. Thank you so much for your insights and ideas. It was a great workshop wasn't it, great people too, so many different backgrounds and lots of inspiration!

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  6. @Takumi, Yes, it was a great workshop! And I was just amazed by your dancing with Akiko, captivating, really. :-)

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  7. Sehr sehr interessant! Ich wünschte, ich würde mich mehr mit klassischer Musik auskennen, sie hat so viel Tiefe - das hier musste ich mir mehrmals anhören, um den Rhythmus wirklich zu hören... Eure Umsetzung hätte mich ja auch interessiert! --- Ich komme im November nach Berlin, auch zu einem Tanzworkshop, wollen wir uns kennenlernen?

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  8. @TanzFan80, sehr gerne, schreib mir einfach eine PM. :-) Was machst du für einen Workshop?

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  9. Schön, das hier nochmal zu lesen. Vielleicht hättest du diesen Text "Eine tolle choreographische Idee" nennen sollen, nicht den anderen? :-)

    Ich möchte gar nicht mehr weg aus Berlin, hier gibt es alles, was das Tänzerherz begehrt. Liebe Grüße von Marius

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  10. Danke, Marius, und viel Glück bei deinen Plänen - vielleicht klappt es ja hier in Berlin?

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  11. Thank you, AnneS (not sure about my dancing, though, haha). This symphony is an absolut masterpiece: very impressive, harrowing. Still, Schubert's Unfinished is even more, what do you think?

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  12. Ja vielleicht, aber ich habe einen guten Job hier in Kiel... - was ist wichtiger, der Job oder das Tanzen? ;-)

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  13. Andreas, missed you at the workshop and hope, you will be dancing soon again!!! It is hard for those outside our little world to truly understand it is a need not a want.
    Get better soon. :-)

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  14. Yes, it is, and you know, it’s not only about beauty, it goes deeper than that. I think dance and music may uncover disturbing existential questions such as why we are here. It’s about life as a whole.

    That’s why I enjoy Leonora’s workshops and of course AnneS’ text here, too. And that’s why I won’t stop dancing.

    Thank you, Takumi, hope to see you in April, hugs to you and Akiko.

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  15. You're right, Andreas. Plus, it's fun and sensuality and feeling your body, your partner, the music.
    See you soon! :-)

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  16. It's passion and commitment.

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  17. It's the ancient human dream of flying.

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  18. Viele Grüße auch von mir! Wir haben doch eine ganz ordentliche Choreo hingekriegt, oder? Ich schließe mich Andreas an: Ich kenne diese Jungs, die einen an den schönen Illusionen hindern... Ist aber vielleicht auch besser so, könnte ja sein, dass sie eigentlich wichtig sind, damit man sich nicht so verliert. Die 'unförmigen Figuren' wecken einen auf. (leider manchmal)

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  19. to the others: so it might also be an escapism of sorts.
    But not with this music! :-) Always interesting to learn to listen properly.
    However, I'd rather escape right now!

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  20. "Escapism" or "disturbing existential questions"? That's the question here. :-)

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  21. @TanzFan80 - oh, escapism may be something we need from time to time...

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