Sonntag, 18. August 2013

Spiegelneurone




Unser Körper ist ein Wunderwerk. In Notsituationen eilen ganze Heerscharen von Hormonen und Helferzellen verschiedener Art zu Hilfe, um Körper und Seele Beistand zu leisten.

Vor einigen Jahren fand ich mich wegen einer bedrohlichen Verletzung an der linken Hand meiner wichtigsten Ausdrucksmöglichkeiten beraubt. Ich konnte nicht schreiben, keine Musik machen und natürlich auch nicht tanzen. Derart zum Verstummen gezwungen, suchte ich nach einem Weg, dennoch Teil der Welt, und vor allem der Tanzwelt, zu bleiben. 

Damals war ich begeisterte Tangotänzerin, und von meinen Lehrern Chantal und Sebastian hatte ich gerade erstmals von sogenannten Spiegelneuronen gehört. Spiegelneurone sind Nervenzellen im Gehirn, die nicht nur die Übertragung von Stimmungen und die Entstehung von Mitgefühl bewirken können, sondern auch für Sprache, Denken und Bewegungsmuster zuständig sind. Spiegelneurone reagieren beim Beobachten der Handlungen anderer genauso, als würde man diese selbst ausführen. Darum werden sie auch „Nachahmerzellen“ genannt.

Dank der Spiegelneurone wird zum Beispiel bei Tänzern allein durch Beobachtung anderer Tänzer ein Trainingseffekt ausgelöst. Dabei können sogar Muskeln entstehen, meinte Chantal.

Ebenso ungläubig wie neugierig begann ich, mich intensiver mit dem Zuschauen zu beschäftigen. Dank der DVDs meiner Freunde und Youtube entdeckte ich eine interessante Aufnahme nach der nächsten. Es war überaus spannend, die verschiedenen Tänzer zu beobachten - ihre Kommunikation im Paar, ihre Musikalität, ihren Stil - oder die Aufführung einfach zu genießen.

Ein Video ist mir besonders lebhaft in Erinnerung geblieben, vielleicht, weil mir die Wärme und Fröhlichkeit der spanischen Sommernacht daraus geradezu entgegensprang. Es zeigt das argentinische Tanzpaar Pablo Villaraza & Dana Frigoli auf dem Tangofestival in Sitges.


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Je öfter ich mir die beiden angesehen habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass ich mir Pablos Improvisationstalent und Danas Quirligkeit selbst zu eigen machte, bis ich schließlich in meiner Vorstellung selbst zu einer Gesamtform wurde, die ausgelassen über das Pflaster hüpft.

So habe ich während dieser Monate die ganze Zeit weitergetanzt - das alles dank der Spiegelneurone, die sich engagiert und phantasievoll meiner angenommen haben.

Ein Jahr später war ich auch in Sitges und habe auf der Strandpromenade getanzt.


für Andreas. Du schaffst das!


Tangomaniacs, Sitges

Kommentare:

  1. Danke... ein Blogeintrag extra für mich. :-) Du bist so ein warmherziger Mensch. Danke für den Trost, die Sommerbilder und die Bandoneonmusik sind so optimistisch. Kann man eigentlich wirklich im Sand tanzen?

    Ich habe schreckliche Angst, hattest du auch, oder?

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  2. @Andreas, ja, hatte ich. Dein Skype ist offline. Kann ich dich anchatten?

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  3. PS. Eigentlich kann man nicht besonders gut im Sand tanzen, aber echten Tangomaniacs ist das sowas von egal! :-)

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  4. @Andreas, was ist passiert?

    @AnneS, wunderbare Idee!
    Ist das eigentlich immer so beim Tango, dass man so die Beine umeinanderschlingt? :-)

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  5. @TanzFan80, danke der Nachfrage, ich hatte einen Fahrradunfall (Rechtsabbieger hat mich nicht gesehen), mit mehreren Knochenbrüchen, sieht langwierig aus, und ich muss mich erstmal vom Schock erholen. :-(
    Zum Glück hatte ich wenigstens einen Helm auf.

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  6. Oje, das tut mir leid. Gute Besserung!! Ich kann so gut verstehen, wie es dir geht. Ich musste auch mal über ein Jahr pausieren, habe das kaum ausgehalten. Lass dich nicht unterkriegen! Das wird wieder. :-)

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  7. @TanzFan80, ja! Das nennt sich "Gancho" (Haken) oder auch "leg wrap". Gibt es in endlos vielen Variationen. Lots of fun.

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  8. PS., Andreas, nach meiner Zwangspause hatte sich komischerweise die Qualität meines Tanzens verändert, alles war intensiver, ich glaube, ich war sogar besser geworden. Weiß nicht, ob dir das jetzt gerade hilft... Hauptsache, es heilt alles gut aus.

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  9. Andreas, das ist ja schrecklich. ich weiß nicht was ich sagen soll. Hoffendlich sind es nicht so komplizierte Brüche, dass sie schnell auskurieren können. gute Besserung!!!!
    Wenn du jetzt so krank bist und nicht Tanzen kannst werde ich dir besser keine Ballettfragen stellen und nicht so viel erzählen. du leidest bestimmt total.

    @AnneS, warum hast du mit Tango aufgehört, wegen ballett? Aber in Spanien wäre ich jetzt auch gerne auch wenn ich nicht weiß wo Sitges ist. Viele Grüße, Gregori

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  10. @Gregori, danke, natürlich können wir uns über Tanzen unterhalten. Du kannst mir soviel schreiben, wie du willst! Ich möchte ja auch in der Tanzwelt bleiben, wie AnneS hier geschrieben hat, und freue mich über jedes Gespräch.

    @AnneS, dieses Video ist wirklich interessant. Ist das eigentlich choreographiert oder improvisiert? Ist beim Tango sozusagen jeder sein eigener Choreograph? Das gefällt mir.

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  11. @Gregori, Tango ist ein wunderschöner kreativer Tanz, aber er hat auch Nachteile, u.a. die Nachtschwärmerei. Nach ein paar Jahren wollte ich einfach was anderes machen. Aber ich habe auch nicht komplett aufgehört.

    @Andreas: Es gibt wohl schon ein paar Absprachen, vor allem, wenn man aufeinander eingespielt ist. Aber eigentlich ist Tango hauptsächlich Impro. Du kannst jeden Tanz quasi neu erfinden. Ich bring dir morgen DVDs mit, wenn du magst. :-)

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  12. Ich bin's schon wieder. Habe heute früh nochmal gelesen, was du geschrieben hast. Habe gedacht, endlich mal eine, die mir keine Ratschläge gibt und mir auch nicht sagt, was ich alles ANDERES als Tanzen machen kann im nächsten Jahr (fast alle anderen haben das so gemacht!), du hast es einfach ganz sensibel andersrum gemacht und erzählt, wie du auf deine Art trotzdem beim Tanzen geblieben bist, und nichts baut mich mehr auf als das! Du verstehst das!!! Viele Grüße ein paar Straßen weiter ins Übersetzerbüro. Die Sonne kommt gerade raus. Bis nachher. :-)

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  13. So ein schöner Lebensmutmachender lebendig stiller Artikel. Ich habe deinen Blog eben erst zufällig entdeckt und bin begeistert.

    Gespannt auf das Kommende, das ich keinesfalls verpassen will, habe ich "Dich" vorsichtshalber mal abonniert :-)))

    lieben Gruß und gute Besserung (unbekannterweise) an Andreas!
    Brigitta

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  14. @Brigitta, danke für das Kompliment, freut mich, dass mein Blog dir gefällt. :-) Dein Blog ist auch spannend, tolle Idee mit den beiden Kunstfiguren (mal was anderes!) - und es stimmt ja, es gibt immer mindestens zwei Perspektiven...

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  15. @Brigitta, vielen Dank für die Wünsche! :-) Hier im Krankenhaus habe ich ja jetzt viel Zeit zum Lesen und kann mir auch deinen Blog anschauen. Eine gute Idee, sich eine echte Kunstfigur auszudenken, habe bei manchen anderen Blogschreibern das Gefühl, dass sie aus sich selbst eine Kunstfigur machen. Dann lieber wirklich jemanden erfinden, das ist definitv kreativer!

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  16. Dankeschön Euch beiden!!!
    Und dir, Andreas weiterhin gute Besserung, verbunden mit dem Wunsch, dass du auch im Krankenhaus die kleinen Glücks-Momentchen, die sich in gewöhnlichen und außergewöhnlichen Tagen verbergen, entdeckst.

    lieben Gruß
    Brigitta

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