Freitag, 26. Juli 2013

Einfache Pirouette



Pirouetten verleihen ein wunderbares Tanzgefühl, wenn man sie voll auskostet und sicher ankommt. Es müssen nicht endlos viele sein - manchmal reicht eine einzige, um dieses Gefühl zu erzeugen.

Für meine letzte Drehung habe ich mir Zeit genommen - um umso glücklicher zu landen.

Ich habe schwungvoll meinen Ausgangspunkt verlassen und mir alles angesehen, was mir auf dem Weg begegnet ist. Ich habe einige Monate in der vibrierenden Metropole London gelebt, habe die französische Lebensart in Lyon genossen, habe mich am bayrischen Charme von Landshut erfreut und mir vorgestellt, wie das Leben in anderen deutschen Städten aussehen könnte.

Lyon

Landshut

Meine Rundreise war lebendig, bereichernd und zuweilen auch schwindelerregend. Als ich gelandet bin, fand mich in Berlin in einem Tanzsaal wieder. Und im selben Moment wusste ich es. Dass ich hier bleiben werde.

Statt in eine Stadt habe ich mich in einen Tanz verliebt. Die Schönheit, die ich gesucht hatte, war plötzlich um mich herum und hat sich als neues Lebensgefühl auf die gesamte Umgebung ausgebreitet. Nicht der Ort hat sich verändert, sondern meine Perspektive.

Beim Tanzen mache ich immer wieder neu die Erfahrung, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Es ist egal, wo ich bin, wenn ich etwas mit Liebe tue und mit Gleichgesinnten teile. 

Und, viel wichtiger noch: Hier in Berlin leben nicht nur meine Tanzfreunde, sondern auch meine liebsten Menschen. Und die werde ich nicht verlassen für denjenigen, der vergeblich versucht hat, mich aus meiner Achse zu werfen. Er ist der Bösewicht, der Widersacher in meinem Ballettmärchen. Er nennt sich Arbeitsmarkt.

Auf der Berliner Bühne nimmt er besonders viel Raum ein. Raffgierig, gnadenlos und ohne Moral trachtet er danach, die Weltherrschaft an sich zu reißen. In abgerissenen Kleidern schleicht er übers Tanzparkett, schneidet fürchterliche Grimassen und murmelt dabei unablässig Drohungen vor sich hin. Und obwohl er schon fast am Boden liegt, versucht er in einem letzten Aufbegehren, die Menschen zu Sklaven und Spielbällen zu machen. 

Doch ich bin nicht Odette aus Schwanensee und hilflos der Macht eines Zauberers ausgeliefert. Ebenso wenig werde ich werde mich zu Tode tanzen, wie die junge Frau aus Sacre.

Ich bin Strawinskijs Feuervogel - ein eigenständiges weibliches Geschöpf, das nicht bereit ist, sich fangen zu lassen. Stattdessen schlage ich dem Widersacher einen Deal vor. Er bekommt eine Feder aus meinem bunt-zersausten Gefieder, und dafür bin ich frei. Die Feder hat magische Kräfte. Damit kann er mich rufen, wenn er mich braucht. Hier in Berlin.



Kommentare:

  1. Deine Beschreibung des Arbeitsmarkts ist klasse! Das wäre ein Spaß, den mal tatsächlich auf der Bühne darzustellen!

    Und diese Feuervogel-Pflanze... - lässt sich nichts gefallen. Sehr gut. :-)))

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  2. Ach, ich würde auch gern so eine Rundreise machen - New York, Italien... ??? --- aber ich habe Angst vor einer Bruchlandung!

    In London hätte ich gern in den 60ern gelebt, als Nureyev und Fonteyn ihre Auftritte hatten. Covent Garden ist legendär. Kennst du den Feuervogel mit ihr?

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  3. @Andreas, klar, fand ihn großartig - er hat mich zu diesem Text inspiriert. Und Margot Fonteyn ist einfach nur beeindruckend...

    Warum Bruchlandung? Du kommst doch locker dreimal rum. ;-)

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  4. Hallo!!! Ich hab die Probestunde ausprobiert!!!!!! Ich bin zu einem Mann gegangen und war nicht der einzigste!! Aber das war viel härteres Training, als ich dachte. Bin ich nicht doch zu alt jetzt?? Aber ich will das weitermachen.

    In Berlin würde ich auch bleiben wollen, wenn ich Du wäre. Da möchte ich auch gern leben wenn es klappt.

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  5. @Gregori, dachte ich mir doch, dass es dir gefallen würde!
    Mach dir keinen Kopf wegen des Alters, solange du kein Profi werden willst, ist das wirklich egal. Ich habe mit fast 30 mit Ballett begonnen; jetzt bin ich 45 und tanze immer weiter... Alles, was du brauchst, ist Leidenschaft.
    :-)
    In welcher Stadt wohnst du eigentlich?

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  6. Hi Andreas, in Düsseldorf. Ich bin hier aufgewachsen und möchte gerne Mal woanders hin. Berlin finde ich ziemlich gut! Dann kanst du mir deine Tanzschule empfehlen. Aber du bist bestimmt in den Fortgeschritten-Kursen oder?

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  7. Der "Feuervogel" ist mein Lieblingsballett und ein wunderbares Vorbild für weibliche Ballerinen, oder? Ich bin ein Mann, aber für einen PDD würde ich immer den Feuervogel wählen.

    Ihr habt das Staatsballett und Malakhov, da würde ich nicht weggehen aus Berlin. :-) Schade nur, das Sasha Waltz nicht bleibt.

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  8. @Gregori, wie schön, dass es dir gefallen hat! :-) Schreib mir doch eine PM, wenn du mal nach Berlin kommst. Oder auch jetzt, dann schicke ich dir ein paar Links mit Tipps.

    @TanzFan80, genau das habe ich auch gedacht! Ein Feuervogel-Pdd? sofort - wenn ich das könnte! ;-)
    Malakhov hört hier übrigens auch auf, bin aber auch gespannt auf Nacho Duato. Von wo schreibst du?

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  9. @AnneS, Aus Stuttgart, d.h. ich bin gut versorgt hier, was Ballett angeht! :-) Aber ich bin auch öfters in Berlin, auch wegen der Tanzszene. Berlin ist kulturell schon ziemlich gut. Würde ich nur für einen sehr guten Grund verlassen.

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  10. Der Arbeitsmarkt ist in der Tat ein Monster. Gut beschrieben!

    Bei mir war es umgekehrt, ich musste wegen der Arbeit nach Berlin ziehen. Und habe es nicht bedauert! Es ist toll hier. War vorher in New York, aber in Berlin kann man länger bleiben (meine Meinung). Viel Erfolg! :-)

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