Mittwoch, 17. Juli 2013

Eine tolle choreographische Idee




Ich bin entsetzt. 

Unser Workshop ist gerade zu Ende, da erfahren wir, dass alle Gruppen ihre Ergebnisse vortanzen sollen. 

Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich tanze ja erst seit wenigen Wochen, und ich werde mich nicht verstecken können: Wir sind nur zu zweit. Und jetzt soll ich auf die Bühne. Und das mit einem rosa T-shirt, auf dem "New York City Ballet" steht. 

Zum Glück habe ich einen guten Tänzer an meiner Seite. Und ich habe Übung darin gewonnen, meine Mittänzer zu kopieren. Nicht nur aus Begeisterung, sondern auch, weil ich auf sie angewiesen bin. Sind sie in meinem Blickfeld, bin ich in Sicherheit. Wenn nicht, muss ich, ganz auf mich allein gestellt, das Geschehen um mich herum erfühlen, irgendwie. Die Hälfte der Zeit also, da wir in Diagonalen tanzen und nur zu zweit sind. Das ist neu und verspricht, interessant zu werden.

Nach der Aufführung kommt ein Junge aus der Jazzdance-Truppe auf uns zu und sagt zu mir: "Sie waren das ganze Stück hindurch eine Sekunde später als er, war das Absicht? Das ist eine tolle choreographische Idee!"




Es gibt ein altes Video, wo dies wirklich mit Absicht geschieht. Es zeigt Siegfrieds Begegnung mit dem schwarzen Schwan, getanzt von Nureyev und Svetlana Beriosova. Nureyev scheint hier immer einen Moment zu spät zu sein, er folgt ihr, spiegelt sie, und bringt damit ganz subtil zum Ausdruck, wie er verführt, getäuscht, nahezu willenlos mitgerissen wird - wie einer, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Das ist so gut gemacht, dass ich einen Moment lang Nureyev mit seiner Rolle verwechselt und gedacht habe, er würde dies aus eigenem jugendlichen Enthusiamus tun.  

Der Jazztänzer, der unser Stück ganz unvoreingenommen angeschaut hat, hat umgekehrt reagiert. Aus meinem fehlerhaften Offbeat wurde in seinen Augen eine treffsichere zeitliche Verschiebung, aus Unentschlossenheit kunstvolle Planung.

Was Zuschauer wahrnehmen, ist für die Tänzer offenbar ein Spiel mit Risiko und Glück. Und oft eine interessante Anregung.

Denn es stimmt, ich lasse mich mitreißen - aber nicht willenlos, sondern ganz bewusst. Ich bin hier noch keinem schwarzen Schwan begegnet. Glaube ich jedenfalls.


Für ?, den Jazztänzer. 





Kommentare:

  1. Also wenn du den Offbeat konsequent durchgehalten hast, dann warst du richtig gut! :-)

    Magst du eigentlich die alten Videos mehr als neuere?

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  2. Lustige Idee mit den Robben, eine Sekunde Zeitverzögerung... Sieht nach Spaß aus. :-)

    Das T-Shirt hat dir Glück gebracht, wusste ich's doch. :-))

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  3. @Tanzfan80 - ich mag beides. Aber ich finde manche älteren Videos besonders intensiv; habe das Gefühl, dass der schauspielerische Aspekt dort sichtbarer ist, eine sehr dichte, intensive Atmosphäre.

    @Andreas, ja das T-Shirt bringt mir Glück - danke!! :-)

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  4. "Das ist neu und verspricht interessant zu werden", coole Einstellung, also ich trau mich jetzt auch und habe mich für eine Probestunde angemeldet!!!!!!!!

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  5. @AnneS: Ich habe mir gestern auch was von dir abgeguckt, deine Musikalität und die fließenden Übergänge, nicht so viel Hektik und Staccato wie bei mir! Wer hat nochmal gesagt, dass der eigentliche Tanz zwischen den Schritten stattfindet, Balanchine?

    @Gregori, viel Glück! :-)))

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  6. @Gregori - du wirst Spaß haben, und wenn nicht, haust du einfach wieder ab. :-)

    @Andreas, thanks... - Von wem das Zitat ist, weiß ich nicht. Von Balanchine kenne ich nur das hier: "What are you waiting for? What are you saving for? There are no other times. There is only now. Right now". :-)

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  7. @Andreas, das Zitat gehört allen, alle Tänzer sagen das! :-)

    @AnneS, ja, da ist was dran, wäre toll gewesen, das alles live zu erleben! :-)

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