Sonntag, 26. Mai 2013

Ein glücklicher Zufallsfund




"Dann lass uns doch nach nebenan zum Ballett gehen", sagt eine Frau aus meinem Tanz-Improvisations-Kurs zu mir, als wir erfahren, dass die Stunde ausfällt.

Zum Ballett? Meine letzte Ballettstunde war irgendwann in meiner Kindheit. Und damals schon war Ballett alles andere als "in". Ballett?! Wie ungesund, unfrei und unzeitgemäß! hieß es. Wer es trotzdem liebte, behielt das besser diskret für sich. Ich habe mich natürlich auch woanders umgeschaut, schließlich wollte ich kein rosa Mädchen sein. Doch heute Abend reißt mein Bewegungsdrang mich mit.

Und ich erlebe Erstaunliches.




Ich betrete einen großen Raum und sehe eine bunte Truppe von Tänzern jeden Alters, darunter viele Männer, die mit Warm-Ups unterschiedlichster Art beschäftigt sind. Ballett scheint für sie einfach ein Teil ihres vielfältigen Tänzerlebens zu sein. Unser Lehrer, der frisch aus London nach Berlin gekommen ist, unterrichtet ideenreich, modern und dynamisch. Von verstaubter Monotonie keine Spur.




Und es ist unglaublich: Der Körper vergisst tatsächlich nichts. Das Gefühl für die Bewegungen ist sofort wieder da, als wäre keine Zeit vergangen. Es ist fast so, als hätte er nur darauf gewartet, sie wiederzufinden. Plötzlich wird mir bewusst, dass meine Ballett-Erfahrungen in den anderen Bewegungsformen, denen ich mich seither gewidmet habe, immer lebendig waren, und sie - fast im verborgenen - bereichert und ergänzt haben.




Also, ich gebe es zu: Ich liebe Ballett immer noch. Die Anmut und Eleganz der Bewegungen. Die klaren Strukturen, die sich mit einem ganz individuellem Ausdruck verbinden lassen. Die vibrierende Energie, die durch das gemeinsame Tanzen in der Gruppe entsteht. Die Intensität, die sich entwickelt, wenn sich bewegliche Skulpturen im Raum bilden, wieder auflösen, wieder neu bilden. Der Boden unter meinen Füßen, der mit der Klaviermusik mitschwingt und die Basis ist für das, was meine Heiterkeit heute Abend noch verstärkt: Drehungen und Sprünge.




Denn damit ist nichts vergleichbar: mit großen Sprüngen den Raum zu erobern, zu fliegen, und vielleicht noch einen Moment länger in der Luft zu verharren.

Das fühlt sich dann so an:
http://www.youtube.com/watch?v=fHD6Ly0oYpA

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Wie das bei mir selbst aussieht, ist gerade nicht so wichtig. Wichtiger sind das Erleben und die Konzentration: Die wechselnden Positionen der Arme und Füße, der Fokus des Blicks, die Bewegungsrichtung im Raum, die unendlich kombinierbaren Schrittfolgen - all das will koordiniert werden, synchron sein mit der Musik, und, als Krönung des Ganzen, einen künstlerischen Ausdruck finden.

Alle Sinne sind hellwach, und in dieser Wachheit wird alles andere unwichtig. Sehnsucht oder Trauer, Fernweh oder Heimweh, der anhaltende Regen um uns herum - alles verschwindet im gegenwärtigen Moment. In einem Moment des Glücks.

Für dieses Erleben brauche ich nicht weit zu reisen. Ich kann einfach in die Tanzschule zwei Straßen weiter gehen. Das Glück ist nah. Ich will unbedingt wiederkommen.

Ich mache jetzt also Ballett. Nicht weitersagen!





Kommentare:

  1. Für Männer ist es viel schlimmer! (ich meine das mit den "rosa Träumen") :-))))

    Das erste Foto ist sehr geheimnisvoll.

    Wir sehen uns also morgen? :-)

    Viele Grüße von
    Andreas

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  2. PS. Nurejew ist übrigens mein Lieblingstänzer und Vorbild! Es gibt viele andere Videos mit ihm, hast du sie gesehen?

    Freu mich schon auf die "chainés" morgen!

    :-)

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  3. @Andreas - klar, die Nurejew-Videos hab ich verschlungen, vor allem die, wo er mit Margot Fonteyn tanzt - wow, sprachlos, reine Magie.

    Ja, see you tomorrow, freu mich schon, mal sehen, ob man die chainés auch schwindelfrei hinkriegen kann. ;-)

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  4. Das stimmt, es kommt auf's Gefühl an. Bin Anfängerin, aber manchmal stelle ich mir vor, ich könne fliegen wie Baryshnikov, und genau so fühlt sich das dann auch an! :-)

    Viel Glück!

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  5. @Lina: oh ja, Baryshnikov kann wirklich fliegen - er bleibt immer einen Moment länger in der Luft, als eigentlich möglich scheint, wie in Zeitlupe, und dann noch mit einer unglaublichen Eleganz... Tolle Inspiration! Dir auch viel Spaß weiterhin! :-)

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  6. Also dieses Video hat mich noch eine Weile beschäftigt. Ist dir auch das Port de bras bei 43-45' aufgefallen? Hab mal versucht, das nachzumachen. Mit dieser Haltung kann dir keiner mehr was, lol.

    Der Schwan, der sich zum Sprung bereit macht, ist übrigens auch cool. Wild thing.

    Lg, Andreas

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  7. Ich sag es nicht weiter :-) !! *lach*
    Danke für Deine Zeilen hier. Das liest sich sehr beflügelnd.
    Wenn ich im TV etwas über das Ballett sehen kann, dann hänge ich wie gebannt vor dem Ding und ich bewundere und achte diese Menschen, die so wundervoll sich bewegen und ausdrücken können.
    Irgendwann komme ich nach Hamburg und schaue mir ein Stück von John Neumeier an!
    Der John Neumeier war mal in einer Talk Show im NDR und der Moderator fragte, ob es stimmt, dass er keinen Führerschein hätte. Neumeier antwortete, dass er Taxis benutzt.
    Er hätte es mit dem Auto fahren versucht, aber da er im Auto nicht die Bögen so fahren konnte, wie er wollte, da hat es gelassen.
    LG
    Oona

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  8. J'aimerais bien te voir danser un jour. Je parie que t'es très belle! ♥

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  9. @Oona - lol, Tänzer haben offenbar eine eigene Art, Dinge wahrzunehmen! Ein Stück von Neumeier würde ich auch gern mal live erleben, ist bestimmt ein Erlebnis!

    @Andreas - haha, stimmt, wir müssen unbedingt probieren, das nachzumachen!

    @Sylvain: merci...

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  10. Schwanensee sieht bei dir hier auch gut aus.:-)
    Ich mag deine Art zu schreiben, egal was das Thema ist, immer leicht, interessant und flüssig zu lesen.

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  11. Hallo, dies ist wirklich ein schöner Blog. Du schreibst mit leichter Feder und kannst fein beobachten, und immer mit Humor. Sehr erfrischend. Schöne Grüße aus Basel und frohes Tanzen!

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  12. @Lovelydays und MiKa - Danke! ;-)

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