Donnerstag, 9. Mai 2013

Der Himmel voller Geigen, die Straßen voller Missklänge - Mittenwald






Mittenwald wirkt wie eine Puppenstube aus dem Mittelalter.

Alles ist klein und hübsch und idyllisch, und niemand stört das jahrhundertealte Glück.

Fast alle Gebäude sind mit bunten Bildchen angemalt. Die "Lüftlmalerei" hat eine lange Tradition in Oberbayern. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Fassaden von Häusern, Gaststätten und Kapellen in eine Art Bilderbuch zu verwandeln. Geschichten aus der Bibel und dem Alltag von anno dazumal werden hier festgehalten. Ein beliebtes Objekt dieses Kunsthandwerks ist auch der Kirchturm.


Apostel,
St. Peter und Paul Kirche

Berühmt ist Mittenwald vor allem für seinen Geigenbau, der Ende des 17. Jahrhunderts von Matthias Klotz begründet wurde. Seither hat sich Mittenwald zu einem der bedeutendsten deutschen Zentren des Geigenbaus entwickelt. Überall sieht man Werkstätten von Geigenbaumeistern, und neben der Lüftlmalerei zieren Streichinstrumente in allen Farben und Materialien die Häuser. 







Da ich selbst Geige spiele und schon immer einmal nach Cremona reisen wollte, um dort echte Stradivaris zu bewundern, dachte ich, dass das Geigenbaumuseum in Mittenwald mich sicher auch begeistern würde. Aber der Funke springt nicht über, vielleicht, weil kein Instrument sich besser zur Verkitschung anbietet als eben die Geige. Mir scheint, dass hier nicht wirklich ihr Platz ist. Italienische Werkstätten sehen anders aus, und Geigen passen dort viel besser hin. 


Geigenbaumuseum

Und dann gibt es noch die Tradition der Gebirgsjäger, einer Infanteriegruppe, die im zweiten Weltkrieg zahlreiche Kriegsverbrechen beging, von denen sie heute nichts mehr wissen will. Als wir in unserer Pension ankommen, werden wir gleich eingangs gebeten, am nächsten Morgen möglichst früh zu gehen - die Wirtin möchte pünktlich zur jährlichen Veteranen-Gedenkzeremonie erscheinen. Hoffentlich, so unsere Wirtin, kommen nicht wieder so viele Störenfriede - gemeint sind linke Organisationen, die zu Protestkundgebungen anreisen werden. Warum soll man denn nicht um Gefallene trauern, sagt sie, und außerdem - es seien damals doch alle gezwungen worden, in den Weltkrieg zu ziehen, oder, und es hat doch keiner etwas gewusst, oder?




Sie ist nicht die Einzige, die hier so denkt. Man merkt es an der Gesamtatmosphäre in den Straßen - der 30er-Jahre-Ästhetik der Hausbemalungen und der künstlichen Mittelalter-Romantik, die hübsch machen will, was nie hübsch war und eine beruhigende Beständigkeit suggeriert. Veränderungen, Vergänglichkeit und Umdenken haben hier keinen Zutritt. Daran ändern auch die viertelstündlich bimmelnden Kirchenglocken nichts. Im Gegenteil: Diese bestätigen nur, dass alles so bleiben wird, wie es schon immer war.

Ein dicker Zuckerguss hat das Städtchen eingeschneit und schützt es nun vor der Außenwelt, der Gegenwart und der Wirklichkeit. 




Kommentare:

  1. Interessant, was du über die Stadt schreibst und darüber wie die Menschen mit der Vergangenheit umgehen. Wenn ich mal nach Mittenwald komme, werde ich an dich denken.
    Die Berge im anderen Post sehen ja phantastisch aus. Das Karwendelgebirge ist wirklich wunderschön und wild. Warst du mit G. dort?

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  2. @Lovelydays - ja, mit G., ein Kurztrip mit Abstecher in Landshut, wo es sehr schön ist...
    Schöne Grüße in den Norden aus dem verregneten, aber grünen Berlin!

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