Montag, 4. Februar 2013

Home away from home





"Home away from home" ist eine schöne Redewendung, weil sie, anders als "zweite Heimat", in sich paradox ist - wo auch immer man sich gerade aufhält, ist das eigentliche Zuhause immer hier und dort zugleich.

Dies ist das Lebensgefühl, mit dem ich aufgewachsen bin. Da wir an der Grenze zu Frankreich lebten, und weil sie unseren Horizont erweitern wollte, schickte meine Mutter meine Geschwister und mich auf eine französische Schule. So gingen wir als "Franzosen" in eine Schule, in der alle Fächer auf Französisch unterrichtet wurden und uns Deutsch als Fremdsprache beigebracht wurde. Dabei lernte ich nicht nur, mein eigenes Land von einem anderen Standpunkt aus wahrzunehmen, sondern fing auch an, französisch zu denken und zu fühlen, was vielleicht automatisch passiert, wenn man sich alltäglich in einer Sprache bewegt. Es war wie ein zweite Identität, die meine und doch nicht meine war.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Land Frankreich, wo ich erst viel später leben sollte. Frankreich wurde rückblickend zum Land meiner Kindheit, eine Art Heimweh- und Sehnsuchtsort, der zugleich nur in der Vorstellung existierte. Es war ein erfundenes, ein imaginiertes Land, das vertraut und zugleich unbekannt war. Tatsächlich war Frankreich ein" home away from home", und ist es bis heute geblieben.




Der Perspektivenwechsel, mit dem ich aufgewachsen bin, hat entscheidend mein Verhältnis zu dem, was ich als  "Heimat" empfinde, geprägt. "Heimat" war für mich nie ein fester Ort, ein Landstrich oder eine Sprache, mit der ich hätte verschmelzen können. Mein Zuhause ist away from home und zugleich hier; es ist ein Ort, der ein Spannungsfeld enthält - ein Gegenüber, zu dem man eine Brücke bauen muss. 

So habe ich bisher am liebsten an Orten gelebt, die an der Grenze zu einem anderen Land liegen, wie Saarbrücken oder Straßburg, oder an Orten, die so vielschichtig und beweglich sind, dass sie sich einer beständigen, klar umrissenen Identität entziehen, wie London oder Berlin. 

Möglicherweise wird mein neuer Wohnort ganz anders sein, da dieser nicht nur von meinen Vorlieben, sondern auch von meinen Arbeitsmöglichkeiten abhängt. Er könnte somit eine neue Art von Gegenüber sein.

"Mein Herz ist nicht zerrissen, sondern gewachsen" schreibt Isabel Allende in ihrem Kalifornischen Exil. "Ich kann fast überall leben und schreiben." 
(aus: "Mein erfundenes Land")


Kingly Court, London

Kommentare:

  1. Ha! Je reconnais le texte - c'est de Pierre Loti, non? :-)

    AntwortenLöschen
  2. @Syl: Oui, c'est bien Pierre Loti! :-) On lisait tous ses romans à l'époque - n'empêche qu'ils finissaient tous mal...

    AntwortenLöschen
  3. Ce ne sera pas comme ça pour nous!

    Bises de Lyon. ♥

    AntwortenLöschen
  4. Schon soooo lange kein neuer Eintrag mehr. Ich vermisse deine Texte. :-)

    AntwortenLöschen