Samstag, 15. Dezember 2012

Über den Dächern von Paris




81, Rue Rambuteau. Hier wohne ich, in einer Dachwohnung im 7. Stock, mitten im Zentrum, mitten im alten Paris. Ich kann mit einer Leiter auf's Dach steigen und von dort in alle Richtungen auf die Stadt schauen.




Paris ist rétro. Die lange, bewegte Geschichte der Stadt ist hier so präsent, dass die Gegenwart nahezu verschwindet. Daran können auch die hier und da eingestreuten avantgardistischen Neubauten nichts ändern: ratlos, wie zufällig gelandete Ufos, stehen sie inmitten machtvoller Repräsentanten vergangenen Weltgeschehens.


Centre Pompidou, Blick vom Dach, Rue Rambuteau

Paris ist voller realer und erfundener Geschichten, die hier einmal stattgefunden haben. Die Menschen, die sie erlebten, bevölkern die Straßen, die Treppenhäuser, die Wohnungen, sie sind lebendig, und es dauert nicht lang, bis ich eine der ihren bin.






In den Straßen von Paris tobt die Revolution, und ich halte mich hier versteckt. Ich bin ein Maler der Jahrhundertwende.  Ich bin Pierrot Lunaire und tanze nachts auf den Dachzinnen. Ich werde, wie Puccinis Mimi, schwindsüchtig in dieser Dachkammer sterben, nachdem ich mich mühsam die Treppen hinaufgeschleppt habe.




Ich bin ein Jazztrompeter der 50er Jahre, der tagsüber hier oben übt, um nachts in den caves de jazz zu verschwinden.Ich bin eine Studentin der 68er und schreibe feministische Texte, die ich später als Flugblätter verteilen werde. Nur eines bin ich nicht: Ein Mensch von heute.




Diese Stadt wurde so stark von der Weltgeschichte geprägt, dass es kaum möglich ist, sie mit einem neuen, unvoreingenommen Blick zu betrachten, oder sie gar neu zu erfinden. Sie ist eine grande vieille dame, die Respekt fordert. Sie will keine neuen Geschichten mehr hören. Sie ist wie das wichtigste Gemälde in einem berühmten Museum - schon lange fertig gestellt und perfekt in ihrer historischen Schönheit. Niemand darf ihr zu nahe treten und sie berühren. Aber sie darf und will bewundert werden, als die Schönste im Land, als die Schönste der Welt.


Blick auf Montmartre und Sacré-Coeur

Kommentare:

  1. Ich lese sehr gerne auch diese Betrachtungen über Paris, wo ich nur einmal ganz kurz war. Zu kurz, um einen eigenen Eindruck zu haben, aber ich kann mir gut vorstellen, wie du dich dort fühlst. Ich denke bei Paris an Rilke und seinen Malte Laurids Brigge, der 1910 in den Staßen und Gärten von Paris umherwandelte. Viele Grüße aus Schottland.

    AntwortenLöschen
  2. Elles sont belles, tes photos! Dommage que je ne parle pas l'allemand quand-m!

    AntwortenLöschen