Sonntag, 23. Dezember 2012

Passagers clandestins




Mit zwanzig war ich überwältigt von Paris. Überwältigend - oder vielmehr beunruhigend - war auch die métro. Ich fühlte mich verloren in den endlos erscheinenden Gängen, fürchtete mich vor all den unbekannten Gesichtern, die in der spärlichen Beleuchtung einen eigentümlichen Ausdruck annahmen, erschrak über den rasanten Rhythmus und die Entschiedenheit, mit denen die Türen sich schlossen und wieder öffneten und sogleich wieder schlossen. Die Metro war mir nicht geheuer. Sie hatte etwas unentrinnbar Abgründiges an sich. 

Später lernte ich andere U-Bahnen kennen. Ich denke an die Metro von St. Petersburg, deren Rolltreppen in beeindruckende Untiefen hinabfahren. Mit dicken Romanen in der Hand machen sich die Fahrgäste auf den langen Weg nach unten. Der Abstieg ist gefährlich, es gibt sogar eine Aufseherin. Unendlich tief unter Wasser und Erde knattert diese Bahn durch die Tunnel. Doch beängstigend fand ich sie nicht.

Was also hat es auf sich mit der Pariser Metro? Und kann sie mich heute noch schrecken? An der Station Bastille steige ich ein, gespannt auf neue Beobachtungen, doch schon bald merke ich: Ihr Charakter hat sich nicht verändert. Deutlicher denn je tritt zutage, was hier im verborgenen vor sich geht. 

Unheimliche Passagiere sind in der métro unterwegs. Gespenster, die hier ihre Bleibe gefunden haben, huschen durch die Gänge, besetzen die Sitzplätze und schlängeln sich um die Haltestangen. Sie schleichen um die Fahrgäste herum und streifen sie am Ärmel, als wollten sie ihnen etwas zeigen. Sie fühlen sich wohl hier. Sie tummeln sich überall, und ihretwegen ist es erstickend eng.

Gerne schauen sie auch den Zeitungslesern über die Schulter und kommentieren das Tagesgeschehen. Schließlich wissen sie Bescheid: Sie haben in nächtlichen Massakern gemordet und Aufstände niedergeschlagen, sie wurden zur Guillotine verurteilt und in Kriegen verfolgt. Von alledem können sie anschaulich berichten, und sie leben davon, dass man sie hört. Die Bahnhöfe sind nach ihren Schlachten benannt, und und an jedem neuen Halt raunen sie mir zu: Möchtest du hier aussteigen, ja? ... Wagram? Alésia? Sébastopol? Gare d'Austerlitz? Bir-Hakeim? Stalingrad? ... Wir kommen mit!

Lasst mich hier raus, denke ich. Hoffentlich hält der Zug auch wirklich an der nächsten Haltestelle, Gare de Lyon verheißt ein sicheres Entkommen. Hoffentlich gehen die Türen auf. Hoffentlich gibt es Treppen und Ausgänge. Und wieder Tageslicht. 






Kommentare:

  1. Guten Tag, das ist klasse! Man kann die Gespenster geradezu spüren. Ich bin durch Zufall auf Ihren Blog gestoßen und finde es toll, wie Sie in wenigen Worten Atmosphären beschreiben. Ich wünsche ein frohes 2013 und warte gespannt auf Fortsetzungen.

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  2. @Herbert: Vielen Dank und ebenfalls ein frohes 2013!

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